Fahrbericht Im Aston Martin DB11 fühlt sich jeder wie James Bond

Im Aston Martin DB11 fühlt sich jeder ein bisschen wie ein Geheimagent.

(Foto: Rachel Palmer/Aston Martin)

Motorradfahrer recken den Daumen hoch, Damen in silbernen Coupés geraten in Extase. In dem britischen Sportwagen ist es unmöglich nicht aufzufallen.

Test von Joachim Becker

Geheimagenten haben es auch nicht leicht. Alles, was sie anfassen, machen sie kaputt. Venezianische Stadtvillen und sagenhaft teure Sportwagen. Der Blutspur der Zerstörung fällt traditionell auch ein Aston Martin zum Opfer, jedenfalls in den neueren "James Bond"-Filmen. Der Wagen ist ein enger Weggefährte von 007. Das macht jede Fahrt in so einem Bond-Mobil zum potenziellen Filmdreh. Zumindest für so manchen Zeitgenossen im Straßenverkehr. Man kann also nicht nichts erleben mit diesem Zwölfzylinderauto. Undercover geht anders. Was für die Berufsausübung (potenzieller) Geheimagenten ziemlich hinderlich sein dürfte.

Wie der Chauffierte in einem Rolls-Royce ist auch der Lenker dieser ebenso britischen Institution eine öffentliche Person. Wird mit dem Rolls ein Grand Arrival gefeiert, also das Aussteigen im Blitzlichtgewitter, ist der Betrieb des Aston Martin DB11 weniger immobiler Natur: Fastforward statt Slowmotion. Und die Zuschauer reisen in beinahe jedem Tempo mit. Da sind die Motorradfahrer, von denen viele den Sportwagen quasi als Gleichgesinnten behandeln. Es hagelt Likes und Daumen-hoch-Gesten. Der Fahrer nimmt es gelassen, weiß er doch, dass er im Sprintduell nicht nachstehen muss.

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Huldigungen von Damen in silbernen Coupés

Schwerer zu ertragen sind die Huldigungen von aufgeregten Damen in silbernen Coupés, die sich offenbar einen Millionär angeln wollen. Indem sie mit ihrem Wagen die zweispurige Straße blockieren, um dem Aston einen Spurwechsel im Stop-and-Go zu ermöglichen. Und hinterher vorbeiziehen, um ermunternde Blicke im Rückspiegel zu sammeln.

Das ist genau so unnötig wie die exaltierten Rechtsüberholer auf der Autobahn, die sich sozusagen als Kamerawagen im Bond-Action-Dreh wähnen und dabei knapp am Unfall vorbeischrammen. Dabei genießt so ein Auto doch schon genug Aufmerksamkeit. Bei fast jedem Betrachter rattert das Kopfkino los, inklusive der verbissenen Weggucker, die so viel Reichtum obszön finden. Aber sie sind klar in der Minderheit, der Aston scheint wie ein Idol beinahe über den Klassen zu schweben. Wohl auch deshalb, weil ihn fast niemand gefahren ist. Dabei ist er ein ziemlich eindeutiger automobiler Charakter. Nicht fehlerlos und schon gar nicht gottgleich. Aber das macht den Gentleman-Racer ebenso sympathisch wie die eher zwiespältig-gebrochene Bond-Figur von Daniel Craig.

Das Auto läuft so leise, dass man auch bei Tempo 175 Filmdialoge drehen könnte

Mit einer gewissen Wehmut erinnert man sich an seine melancholische 007-Interpretation. Vielleicht wird der nächste 007 wieder so ein eindimensionaler Superheld? Wie langweilig. Dabei kann man von Craig lernen, was so ein Aston Martin aus einem gewöhnlichen Automobilisten macht: eine melancholische Gestalt, die weiß, dass einem dieses Auto wieder weggenommen wird. Wie schade, denn die Sportflunder ist ein erstaunlich angenehmer Begleiter. Er federt in der GT-Einstellung absolut langstreckentauglich und läuft bei knapp 2000 Touren im achten Gang so leise, dass man bei 175 Sachen tatsächlich Filmdialoge drehen könnte. Ganz anders als die leicht hysterischen Automobil-Diven aus Maranello oder Sant'Agata Bolognese.

Das alles sind gute Gründe, Geheimagent zu werden. Weniger schön wird es im britischen Sport-plus-Modus. Dann fängt der Gentleman an zu boxen wie ein Straßenjunge und hoppelt über den häufig drittklassigen Asphalt. Dabei verwackelt das souveräne Dauerlächeln des Fahrers. Endgültig Schluss mit lustig ist dann, wenn man von ordinären Audi-Achtzylinderdieseln an einer kurvigen Steigung zersägt wird. Trotz seiner überragenden Leistung in jeder Lebenslage kämpft der Aston dann mit seinen überzähligen Pfunden. Bei Tempo 200 kann es auf dem vielfach geflickten Autobahnasphalt unruhig werden, wenn es durch die Kurven geht. Dann fängt der schwere Wagen an zu oszillieren. Der ganze Komfortballast mit all den kleinen Elektromotoren rächt sich eben, wenn es ans Eingemachte geht.

Aber der nervöse Walzer bei Top-Speed ist nur ein Wermutstropfen im Bond-Gefühl. Schlimmer ist der Verbrauch, der bei artgerechter Fortbewegung natürlich durch die Decke geht. Dabei macht man den Quatsch eh nur für die Firmenwagenfahrer. Rudelweise umkreisen sie den Aston mit dem gebührenden Respektabstand, um ihn zum Sprintduell herauszufordern. Es ist eben nicht leicht, immer der Gute zu sein. Das Böse fordert einen ständig heraus. Zum Glück müssen wir den Aston wieder abgeben. Das Leben als Geheimagent ist uns dann doch deutlich zu stressig.

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