EU will jährlichen TÜV für alte Fahrzeuge Das verflixte siebte Jahr

Ab 2015 will die EU Autos und Motorräder, die älter als sieben Jahre sind, jährlich zur Hauptuntersuchung schicken. In Deutschland würde das jeden zweiten Wagen betreffen. Kritiker nennen den Vorschlag "bürokratischen Quatsch", "teuer und überflüssig" - dabei könnten die Untersuchungen Leben retten.

Von Alexander Hagelüken

Siim Kallas ist Ärger gewöhnt. Fünf Jahre lang jagte der EU-Kommissar Betrüger, die sich am milliardenschweren Brüsseler Haushalt bereichern. In seinem neuen Amt als Verkehrskommissar nimmt sich der Este ähnlich Komplexes vor. Er will Autos und Motorräder öfter auf technische Mängel untersuchen lassen, europaweit. Das würde auch in Deutschland viel verändern: Mehr als die Hälfte der 43 Millionen zugelassenen Autos ist mindestens sieben Jahre alt - und müsste nach Kallas' Gesetzesplänen künftig jedes Jahr zum TÜV statt nur alle zwei Jahre.

Kontrolle ist besser

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Die Wellen schlagen hoch. Als erste Details durchsickerten, nannte der ADAC den Plan sofort "teuer und überflüssig". Bayerns SPD-Landeschef Florian Pronold sprach von "unsinnigem, bürokratischen Quatsch". Dabei stellt Kallas seine genaue Richtlinie erst an diesem Freitag vor.

Nach neueren Studien fährt jedes zehnte Auto mit einem Sicherheitsmangel, mit dem es durch eine Untersuchung fallen würde. Laut Kallas verursachen technische Mängel sechs bis acht Prozent aller Unfälle mit Autos und Motorrädern; sie führen zu 2000 Toten im Jahr. Ab einem Altern von fünf Jahren steige die Wahrscheinlichkeit stark an, dass ein defektes Auto einen Unfall auslöst. Deshalb will Kallas neue Autos sogar erst nach vier Jahren zu TÜV oder Dekra schicken statt wie bisher nach drei. Aber ältere Autos (und Motorräder) sollen von 2015 an eben jedes Jahr zur Untersuchung. Und wenn ein Auto nach vier Jahren bereits mehr als 160.000 Kilometer auf dem Tacho hat, soll es auch jedes Jahr zum Prüfer. Kallas: "Autos, von denen potenziell eine tödliche Gefahr ausgeht, wollen wir einfach nicht auf unseren Straßen haben." Allein in Deutschland ließen sich so 10.000 Verkehrsunfälle pro Jahr vermeiden, versprechen Kallas' Leute. Die bisherigen Regeln von 1977 seien nicht mehr zeitgemäß.

Widerstand aus Deutschland

Aus Deutschland kommt harter Widerstand. "Unsere Prüfpraxis ist seit Langem bewährt und kann anderen EU-Ländern hilfreiche Orientierung sein", erklärt Verkehrsminister Peter Ramsauer. Tatsächlich übernimmt Kallas vieles aus Deutschland, etwa die regelmäßigen Untersuchungen von Motorrädern, die anderswo in Europa unbekannt sind. Doch er schreibt eben auch den Deutschen mehr Prüfungen vor, was Ramsauer bürokratisch und teuer findet. Der ADAC argumentiert, technische Defekte seien nur an 0,4 Prozent aller Unfälle schuld, bei denen sich jemand verletzt. Zu den technischen Defekte zählten beispielsweise Reifenschäden, die sich auch durch mehr Untersuchung nicht unbedingt vermeiden ließen. Die ausgeweitete Prüfpflicht koste aber deutlich mehr: bei 60 Euro pro Termin 600 Millionen Euro pro Jahr Mehrkosten für die Autofahrer. "Das nützt nur den Prüforganisationen", so der ADAC.

Die Kommission kontert: Die normalen Statistiken, die auch der ADAC zitiere, folgten meist dem Polizeibericht. Dabei schätze ein Polizist die Unfallursache. Kallas beruft sich auf Detailuntersuchungen nach Unfällen etwa von Sachverständigen, die ein anderes Bild ergäben: deutlich mehr Karambolagen durch technische Mängel. Beide Seiten haben nun Zeit, die richtigen Fakten zu ermitteln. Kallas' Plan wird in Europa erst Realität, wenn ihn EU-Regierungen und Parlament annehmen.

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