Restlos verdrängt wurde alle Phantasie dort, wo die brutale Realität der politischen Verfolgung Flüchtlinge in Scharen in die Häfen trieb, die nirgends so hilflos zum Spielball des Zynismus wurden wie hier. Beschrieben von Anna Seghers, die in Marseille, auf der Flucht vor den Nazis, ihre Wartezeit vor allem im Café Mont Ventoux an der Cannebière verbrachte: "Am Nebentisch saß an jenem Nachmittag eine Gruppe von Einheimischen, die hier ganz gut von der Furcht und der Abfahrtswut der Neuankömmlinge lebten. Sie erzählten sich lachend von einem Schiffchen, das zwei junge Ehepaare - die Männer waren gemeinsam aus dem Lager geflohen - für höllisch viel Geld gemietet hatten. Doch die Verkäufer hatten sie betrogen, das Schiffchen hatte ein Leck. Sie kamen bis an die spanische Küste. Da mussten sie wieder zurück. Sie fuhren noch die Rhônemündung hinein, da wurden sie von der Küstenwache beschossen und gestellt."
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Um die letzte Hoffnung betrogen, das haben viele Häfen ihre Passagiere, ihre Seeleute, ihr Personal. Dass sie immer auch Endstationen, Niemandsland und Unglücksorte waren, gehört zu ihrer Natur. Ihre Poesie hat dies aber nie zerstört. Selbst im Verfall, den Hemingway im Hafen von Havanna beobachtet, den er Jahrzehnte vorher als wildes und blühendes Zentrum erlebt hatte, faszinieren noch die marode-malerischen Züge der alten Molen und schmutzigen Schaumkronen im Hafenbecken.
Und jeder Hafen hatte seine Zeit vor dem Verfall! Wer wollte nicht noch einmal eine solche Zeit maritimer Unschuld erleben und wie einst Jack London in Pearl Harbour landen: "Wir konnten das alles nicht gleich fassen. Uns war, als träumten wir. Auf der einen Seite schlug das azurblaue Meer über den Horizont in den azurblauen Himmel, auf der anderen Seite hob sich das Meer zu smaragdfarbenen Brechern empor, die in schneeigem Dunst auf ein weißes Korallengestade fielen."
Das war 1907 - 34 Jahre später fielen japanische Bomben auf diesen Traum.
"Häfen - Eine literarische Kreuzfahrt"; herausgegeben von Florian Beckerhoff; Eichborn Verlag; 192 Seiten; 100 Fotografien und Abbildungen; 24,95 Euro.
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(SZ vom 5.7.2008/gf)
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