Ein bärenstarker Motor und schlichte Technik kennzeichnen das überflüssigste Auto der Welt

(SZ vom 30.07.1994) Wir haben zwar erst etwa die Hälfte des Jahres 1994 hinter uns gebracht - und trotzdem steht für uns bereits der Sieger in der Kategorie Das überflüssigste Auto des Jahres '94 fest: Es ist feuerrot und ein Spielmobil - und wie geschaffen für Batman: Der Chrysler Viper sieht mit seinen wuchtigen Abmessungen, der langen Motorhaube, dem winzigen Innenraum und den superbreiten Pneus aus, als ob er für filmreife Verfolgungsjagden geradezu geschaffen sei. Für die nötige Power sorgt ein 8,0-Liter-Zehnzylinder-Motor, der seinerzeit seine Karriere in einem Lastwagen begann und dann von Lamborghini - als diese Firma noch zum Chrysler-Konzern gehörte - veredelt wurde. Nicht vorhanden sind dafür ein ordentliches Dach, vernünftige Seitenscheiben - und sogar die Türgriffe hat man sich gespart.

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Der Viper, so sieht es zumindest Chrysler, ist der legitime Nachfolger des legendären AC Cobra, der in den 60er Jahren zum Kultmobil avancierte. Sportlichkeit und Leistung pur hieß der Auftrag, den Chrysler-Boß Bob Lutz seinen Ingenieuren erteilte, als ein Super-Sportwagen als Imagetrager gebraucht wurde. Und die Techniker griffen so bedenkenlos, wie dies wohl nur noch in Amerika möglich ist, in die vollen: Aus den acht Litern Hubraum erwachsen 290 kW (394 PS) und ein gigantisches Drehmoment von 620 Nm, das bei weniger als 4000/min anliegt. In der Praxis kann dies eine Beschleunigung von Null auf 100 km/h in 4,5 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 266 km/h bedeuten.

Wenig Annehmlichkeiten

Dafür fehlen sämtliche Annehmlichkeiten, wie man sie sonst von amerikanischen Autos gewohnt ist: Das Notverdeck, das ein anständiges Faltdach ersetzt, ist nicht einmal dicht, wie wir bei sommerlichen Regenschauern erleben durften. Die popelig aussehende 'Stoffmütze' läßt sich zwar schnell abnehmen - ebenso wie die seitlichen Steckfenster -, aber wer das als Alibi dienende Dach in den Kofferraum packen möchte, muß erst einmal basteln: Das Verdeck muß zerlegt werden, weil es sonst nicht in das Gepäckabteil paßt. Eine Klimaanlage ist ebensowenig an Bord wie ein Tempomat oder sicherheitsrelevante Details wie ein Airbag oder ABS. Und das Platzangebot ist alles andere als üppig, besonders wenn das Verdeck aus Wettergründen montiert bleiben muß. Dann heizt sich nicht nur der Innenraum gigantisch auf, auch der Kopf eines großgewachsenen Fahrers macht immer wieder Bekanntschaft mit den Querstreben der 'Mütze'. Am besten ist der Viper wohl als Sechstwagen in der Garage eines autophilen Millionärs in Malibu aufgehoben.

Schon in den Viper zu gelangen, ist für Unkundige gar nicht so einfach: Wo sind sie denn nun, die Türgriffe, fragt man sich als erstes, bis klar wird: Sie sind einfach nicht vorhanden. Mit einem Reißverschluß muß die Steckscheibe einen Schlitz weit geöffnet werden, bis man - nach bester Autoknacker-Manier - an den inneren Türgriff langen kann.

Mit brachialer Gewalt

Wie fährt sich der Viper nun auf Deutschlands Straßen? Zunächst einmal ist dem Piloten - und wenn dieses Wort für einen Autofahrer berechtigt ist, dann in diesem Fall - ein hoher Aufmerksamkeitswert gesichert. Kupplung und Bremse verlangen einen Kraftaufwand, wie man dies eigentlich nicht mehr gewohnt ist, während im Umgang mit dem Gaspedal Behutsamkeit an den Tag gelegt werden sollte. Der Viper stürmt bei einem beherzten Tritt mit brachialer Gewalt los, so daß schnell das Profil der aus dem Rennsport weiterentwickelten Reifen leidet. Der Vorwärtsschub erinnert an einen startenden Jumbo - und das frappierendste ist, daß dieser Schub in jeder Lebenslage - sprich bei jeder Geschwindigkeit, in jedem Gang - vorhanden ist.

Während der rechte Ellenbogen auf dem riesigen Mitteltunnel ruht, verlangt die Sechsgang-Schaltung nach einer etwas nachdrücklichen Betätigung, während die Lenkung - hierfür gibt es immerhin eine Servounterstützung - sich leicht und genau bedienen läßt. Das Fahrwerk des Viper ist extrem hart abgestimmt - es läßt die Insassen keine Sekunde über den Zustand der Fahrbahn im unklaren. Während der Geradeauslauf auf guten Autobahnen noch zufriedenstellend ist, zeigt sich der Viper auf schlechten Landstraßen von seiner giftigen Seite: Er poltert, hüpft und springt über Bodenunebenheiten, so als würde er lieber abheben, als Bodenhaftung zu bewahren.

Die genußvolle, den Adrenalinspiegel auf normalem Niveau haltende Art, den Viper zu bewegen, entspricht der Philosophie vom entspannten Cabrio-Fahren: Man weiß ja, daß man über Leistung im Überfluß verfügen könnte - und bummelt deswegen lieber gemütlich mit offenem Dach. Eine solche Fahrweise kommt natürlich auch dem Benzinverbrauch zugute, der bei einem Sportwagen wie dem Viper in extremen Maße von der Fahrweise abhängig ist. Im Durchschnitt verbrauchte der Viper 18 Liter unverbleiten Superkraftstoff auf 100 Kilometer, was angesichts des Leistungspotentials ein akzeptabler Wert ist. Es können aber schnell mehr als 20 Liter werden, wenn sich der Pilot nicht einer gewissen Zurückhaltung befleißigt.

142 000 Mark verlangt Chrysler für sein Flaggschiff - ein vergleichsweise lächerlicher Preis in der Klasse der Super-Sportwagen, die dem Leistungspotential eines Ferrari nicht nachstehen. Dafür müssen aber gewisse Mängel in der Verarbeitungsqualität in Kauf genommen werden - und über das Image, das dieser Wagen verbreitet, gibt es ganz verschiedene Ansichten. Auf jeden Fall brachte der Viper sogar einen gestandenen oberbayerischen Schreinermeister dazu, den Zollstock zu zücken, um die Breite der Hinterräder nachzumessen - er wollte seinem geschulten Auge in diesem Fall wohl nicht glauben.

Von Otto Fritscher

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