Die Techniker haben den 5,7-Liter-Achtzylinder zu erstaunlicher Sparsamkeit erzogen

(SZ vom 06.11.1993) Da standen wir nun ratlos, und schauten uns betreten an. Eigentlich hätten wir es ja wissen müssen, daß es nicht gut gehen kann, wenn man - bildlich gesprochen - mit Halbschuhen zum Bergsteigen gehen will. Ganz so blauäugig waren wir zwei Wandervögel zwar doch nicht, denn die Bergstiefel hatten wir eingepackt. Was aber fehlte, war der Raum, um die zwei Reisetaschen, einen Koffer, einen Rucksack und diversen Kleinkram auch verstauen zu können. Auch das hätten wir wissen müssen, denn manche Autos bieten nun einmal weniger Stauraum als andere, und unser Exemplar hatte eigentlich gar keinen. Die Cabriolet-Version des Chevrolet- Klassikers Corvette ist wohl eher für das boulevard riding an der Promenade von Santa Monica gedacht als für alpinistische Extratouren in den Bergen Niederösterreichs.

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Was tun? Nur Zahnbürste und Kreditkarte einstecken und flugs das Reiseziel ändern - vielleicht lieber an die Cote d'azur? Das ist keine Alternative, wenn man die Berge mag - und zudem amerikanische Autos. Also versuchten wir das Verdeck zu öffnen, um an das kleine Fach hinter den Rücksitzen zu gelangen. Doch den Entriegelungsmechanismus zu finden, erwies sich als genauso schwierig, wie sich in der Ötscher-Höhle ohne Taschenlampe zurechtzufinden. Der Griff befindet sich nahezu unerreichbar hinter dem Fahrersitz, ein weiterer Knopf versteckt sich in einer Art Geheimfach auf der Mittelkonsole.

Tank statt Kofferraum

Doch was soll es, an einen automobilen Klassiker, der vor kurzem 40 Jahre alt geworden ist, die gleichen Ansprüche zu stellen wie an moderne japanische Autos. Die Corvette ist amerikanisches Urgestein, der US-Sportwagen schlechthin. Das beginnt schon bei der Optik, die man eben mag oder nicht. Natürlich ist sie macho und ein bißchen zu plump. Von hinten betrachtet, sieht die Vette mit den breiten Radkästen wie ein Pummelchen aus, und wo man den Gepäckraum vermutet, macht sich der Tank breit. Die vordere Hälfte des Autos nimmt der mächtige Motor in Anspruch, jener legendäre small block mit acht Zylindern und 5,7 Litern Hubraum, aus denen mittlerweile 221 kW (300 PS) erwachsen. Schon beim Anlassen grummelt das Aggregat, wie es nur amerikanische V8-Maschinen können. Aber beim Tritt auf das Gaspedal setzt sich die Corvette trotz der fulminanten Nennleistung gemächlicher in Gang, als man dies erwartet. Auch Überholmanöver auf der Autobahn werden nicht mit der Leichtigkeit erledigt, die die Optik verspricht - jeder VW Golf VR6 beherrscht diese Disziplin müheloser.

Dafür ist die Corvette in einer anderen Disziplin ziemlich konkurrenzlos: beim Benzinverbrauch. Denn wie kaum bei einem anderen Automobil liegt es nahezu ausschließlich im Gasfuß - und vor allem im Kopf - des Fahrers, in welche Regionen der Verbrauch klettert oder auch nicht. Von knapp über zehn bis mehr als 20 Liter unverbleiten Normalkraftstoff auf 100 Kilometer ist alles möglich. Wir bewegten die Vette - meistens offen natürlich und mit gemächlicher Fahrweise - auf Autobahnen, Landstraßen, aber auch im Stadtverkehr über 2000 Kilometer - mit einem Durchschnittsverbrauch von 11,1 Liter. 'Unwahrscheinlich, daß irgendein anderer 300-PS-Wagen . . . ebenso sparsam läuft', heißt es im Pressetext von General Motors - und das können wir nur bestätigen. Zum kommoden Fahren trägt die Automatik bei, die so sanft schaltet, wie dies nur amerikanische Automaten können. Die Ausstattung ist komplett: Von Airbag, ABS und Anti- Schlupfreglung bis zur Klimaanlage ist alles an Bord, was das Fahren angenehm macht. Nur das Aussteigen setzt ein bißchen Gelenkigkeit voraus. Und schlichtweg überkandidelt ist der Digitaltacho - die Zeiten, in denen man jede LCD-Anzeige für einen Fortschritt hielt, sind zumindest in Europa wieder vorbei.

Die Frage, ob es überhaupt Autos mit 300 PS geben muß, soll an dieser Stelle nicht grundsätzlich erörtert werden. Es gibt eben Fans, die bereit sind, für einen solchen Wagen 106 930 Mark auszugeben. Denn zumindest manchmal kann das Autofahren wirklich noch Spaß machen, was wenig mit Höchstgeschwindigkeit, aber viel mit dem speziellen Corvette-Feeling zu tun hat. Wir jedenfalls hoffen, im Jahre 2003 den 50. Geburtstag der Corvette feiern zu können.

Von Otto Fritscher

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