Carsharing Reisen im Teilzeit-Auto

Hinter dem Carsharing-Angebot DriveNow steckt BMW.

(Foto: Photographer: David Ulrich; David Ulrich)

Autos teilen statt besitzen - wer früher mitmachte, wollte vor allem Kosten und Emissionen reduzieren. Mittlerweile öffen sich für Carsharer mit intelligenten Kundenkarten in Europas Großstädten immer mehr Autotüren.

Von Joachim Becker

Da stimmt etwas nicht: Längst sind die angepeilten Grenzen des Wachstums erreicht, doch das Autoteilen findet immer neue Freunde. "Wir haben in München ein Potenzial von 60 000 Nutzern gesehen, aber jetzt sind wir dort bereits bei 80 000 Kunden. In Berlin sind es sogar schon 110 000 - so viel hätten wir nicht erwartet", sagt Michael Fischer, Pressesprecher von Drive-Now. Gut drei Jahre nach dem Start kann das Angebot zur Spontanmiete von BMW und Sixt 2400 Fahrzeuge und mehr als 300 000 Mitglieder vorweisen: "So viele Nutzer hat kein anderer Carsharing-Anbieter in Deutschland", sagt Fischer und schränkt gleich wieder ein, dass es auf die Zählweise ankomme - also inklusive Karteileichen oder nicht.

Car2go kommt hierzulande auf ähnlich viele Kunden, hat aber schon 3600 Smart in sieben Städten im Einsatz (darunter 550 Elektrofahrzeuge) und ist mit der Expansion in ganz Europa weit voraus: "Mit insgesamt 11 000 Fahrzeugen und rund 800 000 Kunden ist Car2go auf dem Weg, weltweit das größte Carsharing-Unternehmen zu werden", jubelt die Daimler-Tochter, die das Free-Floating-Carsharing 2008 erstmals einführte. Noch im Laufe dieses Jahres sollen die Kunden über das Daimler Mobilitätsportal Moovel auch die Dienste von Flinkster und Call a Bike direkt buchen können. Damit entsteht hierzulande ein nahezu flächendeckendes Netz an Carsharing-Angeboten mit insgesamt mehr als 6600 Fahrzeugen, angeschlossen ist auch Call a Bike, das größte Mietfahrradsystem mit 8500 Zweirädern.

"Wie in den Anfangstagen von Amazon"

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Richtig bezahlt macht sich das Parkplatz-Sharing an Flughäfen

Autos teilen statt besitzen - wer früher mitmachte, wollte vor allem Kosten und Emissionen reduzieren: 1948 wurde die erste Selbstfahrergenossenschaft in Zürich gegründet. Selbst Jahrzehnte später mussten Fahrtenwünsche noch im Voraus in Reservierungshefte eingetragen werden. Heute macht modernste Elektronik die Spontanmiete so einfach wie mobiles Telefonieren. Die Angebote von BMW und Daimler verzichten auf feste Mietstationen, stattdessen stellen sie die Fahrzeuge im Stadtgebiet flächendeckend bereit. Wie ein Fischschwarm sind die Kompaktmodelle von Smart und Mercedes sowie Mini und BMW im Geltungsgebiet ständig in Bewegung und können auch fast überall geparkt werden. Als Bonus sind die Parkkosten im Mietpreis enthalten - richtig bezahlt macht sich dieses Parkplatz-Sharing an Flughäfen, die als Satelliten an die städtischen Nutzungsgebiete angrenzen.

So ein selbst gelenkter Flughafen-Transfer ist nur halb so teuer wie eine Taxifahrt mit Chauffeur. Entsprechend attraktiv ist dieses Mietmodell auch für Geschäftsleute, die zu Hause über ein eigenes Auto verfügen: "Aktuell registrieren sich monatlich zwischen 15 000 und 20 000 neue Kunden bei Drive-Now - etwa 15 Prozent davon tun das über ihr Unternehmen und können Drive-Now im Anschluss auch geschäftlich nutzen", erläutert Drive-Now-Geschäftsführer Andreas Schaaf: "Vor einem Jahr lag der Anteil der Firmenregistrierungen noch bei unter fünf Prozent." Dank digitaler Buchungsmethoden ist die Abrechnung für Unternehmen, die Kosten und Klimagase sparen wollen, unkomplizierter als die Rückerstattung von privat vorgestreckten Taxirechnungen. Zudem muss sich der Kunde nicht vorher auf einen Mietzeitraum festlegen, sondern kann spontan entscheiden, wann und wie lange er das Fahrzeug nutzen möchte. Die Abrechnung im Minutentakt erfolgt über einem Mikrochip auf dem Führerschein oder Kundenkarten, die auch die Autotüren öffnen.

Das Nutzerprofil von Carsharing ändert sich

Das flexible Carsharing 2.0 erfreut sich schnell wachsender Beliebtheit. 2010 teilten sich lediglich 190 000 Bundesbürger Leihfahrzeuge mit anderen Menschen. Doch die Mobilitätsalternative wächst gerade in Großstädten in die Mitte der Gesellschaft hinein: 25 Jahre nach dem Beginn des Autoteilens in Deutschland haben 2013 bereits mehr als eine Dreiviertelmillion Kunden das Carsharing für sich entdeckt. "Das Nutzerprofil ändert sich. In München und Berlin gewinnen wir derzeit Kunden aus allen Berufs- und Altersgruppen. Da zählen junge moderne Städter ebenso dazu wie Familien oder Geschäftsleute", sagt Andreas Schaaf. Während sich die angestammten Mietklubs mit ihren stationsbasierten Angeboten in 380 Städten und Gemeinden häufig aus der autokritischen Umweltbewegung entwickelten, ist das neue Schwarm-Sharing eher eine Begleiterscheinung der digitalen Revolution: Wozu ein Auto kaufen, wenn man an jeder Ecke viele haben kann!

Mit der Kundenkarte öffnet sich die Autotür.

(Foto: SKI)

Modernste Elektronik beschleunigt nicht nur den Mietvorgang per Smartphone oder Compter, sondern ermöglicht auch neue Geschäftsmodelle rund um das margenschwache Carsharing. Drive-Now bietet mobilitätsbegleitende Freizeitpakete für Shopping, Skifahren oder Wellness an. Ob Einkaufsgutscheine oder saisonale Specials: All diese Angebote, hinter denen sich eine hohe technische Komplexität verbirgt, können direkt im Auto gebucht werden. Damit wird Carsharing zum Testballon für sogenannte "location based services", die im Navigationssystem angezeigt und beworben werden. Basierend auf diesen Zusatzdiensten können die Autohersteller ihre Kundendaten sukzessive zu maßgeschneiderten Konsumentenprofilen spezifizieren, die in der digitalen Werbewelt viel Geld wert sind.

Nutzen können die Autohersteller ihre Carsharing-Flotten auch als Testfeld, um neue Technologien schnell einer großen Zahl von Menschen zugänglich zu machen. "Jeden Monat führt Drive-Now rund 3000 Kunden neu an die Elektromobilität heran", bestätigt Andreas Schaaf, "das ist in der Tat ein sehr positiver und gewünschter Effekt unseres Angebotes. Carsharing ist ein bedeutendes Schaufenster für Elektromobilität und beschleunigt deren Verbreitung." Dabei stehen wir erst am Anfang einer radikal neuen Form individueller Mobilität: Um bis zu 35 Prozent soll die "Shared Mobility" bis 2020 wachsen, prognostiziert die Beratungsfirma Roland Berger. Neben Carsharing sollen auch die Angebote für Bikesharing, Mitfahr- und Taxidienste (Ridesharing) sowie Parkplatzdienste (Shared Parking) zweistellig zulegen. Dank neuer Online-Plattformen und IT-Technologien knüpfen die Anbieter immer flexiblere und zugleich hoch integrierte Mobilitätsketten. Es scheint so, als würde aus der Mikro-Marktnische nach Jahrzehnten doch noch ein globales Erfolgsmodell.