Carsharing 500 Meter bis zum nächsten Fahrzeug

Sie sind viele, sie werden mehr: Leihautos. Hier stehen Leihwagen der Marke Mini vor den Messehallen der Cebit 2013 in Hannover.

(Foto: REUTERS)

Die Zeiten, in denen sich beim Carsharing nur umweltbewusste Sparbrötchen in Reservierungshefte eintrugen, sind vorbei. Heute gibt es Flexibilität und Fahrspaß auch ohne eigenen Pkw. Doch Carsharing ist nur ein Mobilitätsbaustein. Jetzt geht es um die Vernetzung der Verkehrsmittel.

Von Joachim Becker

Die Zukunft des Autos hat gerade erst begonnen - schon weil der Verkehrskollaps absehbar ist. Bis 2020 werden 1,2 Milliarden Personenwagen auf unserem Planeten unterwegs sein, mehr als 60 Prozent davon in den Städten. Die Blechlawine blockiert nicht nur die Straßen, sondern begräbt auch die raren Parkplätze unter sich. Privatfahrzeuge stehen im Schnitt 23 Stunden pro Tag nutzlos herum. Angesichts des kollektiven Autowahns hilft letztlich nur eine kollektive Nutzung des Fahrzeugbestands in den Innenstädten. Ein geteiltes Fahrzeug ersetzt acht bis zehn Privatwagen, hat die Unternehmensberatung Frost & Sullivan ermittelt. Doch der Gang zur Vermietstation für eine Kurzstreckenfahrt stößt auf wenig Gegenliebe: zu umständlich und unbequem, von Fahrspaß gar nicht zu reden.

Autos teilen statt besitzen - wer früh mitmachte, wollte vor allem Kosten und Emissionen reduzieren: 1948 wurde die erste Selbstfahrergenossenschaft in Zürich gegründet. Selbst Jahrzehnte später mussten Fahrtenwünsche noch im Voraus in Reservierungshefte eingetragen werden. Viele Mietclubs haben ihre Wurzeln in der autokritischen Umweltbewegung. Tatsächlich reduziert Carsharing die Pkw-Kilometer um rund ein Drittel.

Die Nutzer sind im Schnitt um fast 50 Prozent häufiger in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und radeln öfter durch die Stadt. Wer sein Auto als Ausdruck der Persönlichkeit versteht oder auf den Prestigewert achtet, kann mit den rollenden Sparbüchsen wenig anfangen. "Unsere Kunden wollen ein Auto nicht nur nutzen, sie wollen es auch besitzen", erklärt Audi-Chef Rupert Stadler deshalb kategorisch, "ich bin nicht der Meinung, dass in zwei, drei Jahren alle Welt mit der Kreditkarte kleine Autos auf Leihbasis nutzt. Das wird so nicht massenhaft funktionieren."

Carsharing hat sich mehr als verdoppelt

So hat sich Carsharing in Deutschland entwickelt.

(Foto: Grafik SZ)

Tatsächlich teilten sich 2010 lediglich 190.000 Bundesbürger Leihfahrzeuge mit anderen. Verglichen mit 38 Millionen Privatautos in Deutschland waren die 5000 Carsharing-Pkw eine Mikro-Marktnische. Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Marktlücke jedoch mehr als verdoppelt: 2012 nutzten bereits mehr als 453.000 Autofahrer in Deutschland die Carsharing-Angebote. Mobilität soll flexibel sein und Spaß machen, statt unnötig Geld zu kosten.

Deshalb hat sich die Spontanmiete in kürzester Zeit zum Insidertipp für Leute meist zwischen 30 und 40 Jahren entwickelt. Sie wollen das Fahrzeug jederzeit wieder stehen lassen, wenn sie ihr Ziel mit anderen Verkehrsmitteln schneller oder günstiger erreichen. Generell wenden sich junge Erwachsene, die Innenstädte als Lebensraum bevorzugen, vom eigenen Auto ab. 2009 waren nur noch sieben Prozent aller Neuwagenkäufer zwischen 18 und 29 Jahre alt - das Segment hat sich innerhalb von zehn Jahren halbiert.

Schon seit geraumer Zeit klingeln bei einigen Autoherstellern daher die Alarmglocken. Sie haben Angst, den Kontakt zu den Kunden von morgen zu verlieren: "Die Einstellung zum Auto wandelt sich. Viele junge Menschen sind als ,Digital Natives' aufgewachsen. Internet, Facebook und Twitter gehören für sie zum Alltag. Die Kunden von morgen müssen wir anders ansprechen und ihnen zusätzliche Angebote machen", bekannte BMW-Chef Norbert Reithofer schon vor zwei Jahren.