Die große Röhre ist beschlossene Sache: 25 Jahre nach den ersten Überlegungen wollen Italien und Österreich den Eisenbahn-Basistunnel zwischen Innsbruck und Franzensfeste nun endlich bauen.
Die große Röhre ist beschlossene Sache: Der Alpenhauptkamm wird durchbohrt für den einmal zweitlängsten Eisenbahntunnel der Welt. Er soll Güterströme in Nord-Süd-Richtung auf der Bahn bündeln und die Plage des Lastwagenverkehrs auf dem Weg über die Berge bändigen helfen.
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Ab 2022 an sollen auf 56 Kilometern in zwei getrennten eingleisigen Röhren täglich mehr als 400 Züge rollen, 80 Prozent davon Güterzüge. Die mögliche Höchstgeschwindigkeit von 250 Kilometer pro Stunde wird die Fahrzeit von Innsbruck nach Bozen von zwei Stunden auf eine Dreiviertelstunde verkürzen. (© Grafik: SZ)
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Österreich und Italien haben sich endlich auf das epochale Bauwerk geeinigt. Für Verkehrsplaner ist der Brennerbasistunnel schiere Notwendigkeit; für Ökologen ein wichtiger Schritt zum Schutz der Alpen und für die Bevölkerung Nord- und Südtirols ein ganz kleiner Sieg über die stetig größer werdende Blechlawine, die das Land mit Lärm und Abgasen heimsucht. So gilt der Beginn der Arbeiten für viele nur als verzagter Endpunkt einer blamablen Serie politischen Versagens.
Plötzlich geht's auch um Umweltschutz
Denn ursprünglich sollte der Tunnel Kernstück einer großzügigen Tunnelmagistrale vom bayerischen Oberland bis Trient (Trento) im Etschtal oder gar Verona sein - eines kühnen, großräumigen und deutlich umweltschonenderen Projekts. Schon vor knapp 25 Jahren angegangen, ist davon nur der Basistunnel übriggeblieben.
Wäre es nach den düsteren Prognosen von Umweltschützern und Verkehrsplanern für die Entwicklung des Lastentransports über die Alpen gegangen - deren Zahlen schon längst übertroffen wurden - hätte der Tunnel schon im Jahr 2000 in Betrieb gehen müssen, um Umwelt und Bevölkerung zu entlasten. Aber die Politiker, obgleich sie es nicht an umweltbeflissenen Bekundungen fehlen ließen, hielten sich lange Zeit eher an das Motto: "Freie Fahrt zum Mittelmeer." Trotz der Proteste der Nord- und Südtiroler, die auch vor Autobahnblockaden nicht zurückschreckten, ging es mit der Alpendurchquerung lange nicht voran.
Österreichs Bundesregierung, die sich heute gern als Umweltschützerin feiern lässt, belächelte den Widerstand gegen den Alpentransit lange als Tiroler Folklore. Als Anfang der Achtzigerjahre die Schweiz erste Maßnahmen gegen Transitverkehr unternahm, feixte man in österreichischen Medienberichten über die innovationsfeindlichen Nachbarn. Auch in der Hoffnung auf Mautgebühren lockte Österreich den heute bejammerten Schwerlastverkehr noch über den Brenner. Legendär wurde der Satz, mit dem Tirols früherer Landeshauptmann Eduard Wallnöfer den Bau der Brenner-Autobahn feierte: "Verkehr bringt Leben."
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Probleme beim Berliner Flughafen lange bekannt
Bis jetzt hat man sich nur auf die Strecke und einen etwas näher spezifizierten Umfang geeinigt. Die Finanzierungsprobleme werden den Termin Beginn und die Fertigstellung wahrscheinlich noch weit nach hinten verschieben.
Ganz anders die Schweiz: Was dieses kleine Land verkehrspolitisch umsetzt, sucht seines Gleichen. Das NEAT-Projekt ist ein landesweites Gesamtkonzept, bei der die Züge bei den wichtigsten Transitrouten die Schweiz möglichst steigungslos durchqueren sollen. Das Projekt schlägt - selbst im aus Kostengründen zusammengestrichenen Umfang - die Brenner-Ambitionen um Längen.
Der Lötschberg-Basistunnel ist dieses Jahr in Betrieb gegangen. Der Gotthard-Basistunnel durch das riesige Gotthard-Massiv sprengt jedes Vorstellungsvermögen. Wer hat zum Beispiel schon unterirdische Multifunktionsstellen, die man als Bahnhöfe bezeichnen kann. Wo sind Multifunktionsstellen, die man bei Nothalt per Lift verlassen kann und zum nächsten gelegenen (hoch oben im Gebirge gelegenen) Bahnhof gelangen kann, um den nächsten Anschlusszug zu nehmen.
Allein schon der Gotthard-Basistunnel liegt hinsichtlich Anforderung und Leistung in der Grössenordnung des Brenner-Projekts.
Bei einem 56 Kilometer langen Tunnel wird es zwar vielleicht keinen unterirdischen überholbahnhof, aber zumindest zwei, drei überleitstellen geben, wo Züge das Gleis wechseln können. Damit sind dann auch fliegende überholungen von Güterzügen möglich. In den neuen Schweizer Alpentunneln werden übrigens auch Güterverkehr und Hochgeschwindigkeitsverkehr angeboten werden, das Konzept ist also eher unspektakulär.
Es liegt durchaus im Bereich des Vorstellbaren, dass es Zeitfenster gibt, in denen schnelle Personenzüge (ggf. mehrere direkt hintereinander) durch den Tunnel geroutet werden, und andere, in denen (nur) Güterzüge fahren.
Der geneigte Betrachter möge dieses Phänomen auf existierenden Bahnstrecken studieren, auf denen teilweise ICE + Güterzüge unterwegs sind.
"Die mögliche Höchstgeschwindigkeit von 250 Kilometer pro Stunde wird die Fahrzeit von Innsbruck nach Bozen von zwei Stunden auf eine Dreiviertelstunde verkürzen"
Gut. Das ist ja was tolles. Nur: 80% sind Güterzüge, die wohl eher mit so 100 km/h durchrollen. Und bei 200 Zügen pro Tag und RIchtung sind das nun mal 160 die da durch müssen. Wenn es mitten im Tunnel keine Ausweichen gibt, stelle ich es mir ziemlich schwierig vor, wie die Personenzüge mit 250 km/h im 56 km langen Tunnel an den Güterzügen vorbeikommen...