Carpooling Jetzt laufen die Dinge anders herum

Es ist wie bei Daimler und Carpooling. Man hätte sich nie getroffen. Gäbe es nicht all die vielen Leute, die es anders machen als ihre Eltern und Großeltern. Bei Daimler begann man, sich für Mitfahrangebote und das Autovermietsystem Car-2-go zu interessieren. Auch BMW vermietet Minis und nennt das Angebot "Drive Now". Neulich stand BMW-Finanzchef Friedrich Eichiner in München, sprach über Elektroautos und Carsharing. Und irgendwann dann kam dieser Satz: "Wir schaffen einen neuen mobilen Lebensstil. Wir sind Mobilitätsdienstleister."

Dienstleister statt Auto-Verkäufer - es ist der vielleicht größte Paradigmenwechsel in der Autoindustrie, seit es Autokonzerne gibt. Wilfried Steffen sagt deshalb, dass sein neuer Job "definitiv ein anderer" sei als der, "den ich 30 Jahre lang davor ausgeübt habe".

Früher war es die Industrie, die der Gesellschaft ihre Gesetze vorschrieb. Ihr ihre Autos verkaufte und damit entschied, wie die Sache mit der Mobilität zu funktionieren hat. Jetzt laufen die Dinge anders herum. Ein Autoverkäufer wie Steffen horcht in die Gesellschaft hinein und fragt sich: Was wollen die Menschen bloß? Und er horcht in seinen Konzern hinein, und da hört er seltsame Dinge. Kollegen, die sagen, dass der Steffen "nicht mehr ganz so streamlined ist wie früher". Kollegen, die sich wundern, warum der sich jetzt ausgerechnet für Mitfahrzentralen interessiert - "wo wir doch selbst Autos bauen"? "In solchen Momenten hilft es Ihnen schon, seit über 30 Jahren im Konzern zu sein", sagt Steffen.

Steffen, Daimler, Carpooling. Zukunftsforscher glauben, dass der Wandel der Autokonzerne gerade erst begonnen hat. Schleichend. Dass es weitergeht, dass sie in einigen Jahren ganz anders aussehen könnten als heute. Dass der Autobau dann nur noch ein Teil von ihnen sein wird. Steffen, der Mann, der seit Jahrzehnten für Daimler arbeitet, würde das natürlich so nie sagen. Er sagt, dass man das zurzeit alles nur "zusätzlich zum traditionellen Autobaugeschäft" mache.

"Kein Gequatsche"

Dabei hat die Zukunft längst begonnen. Mit all den Menschen draußen, die Autos fahren, ohne dass ihnen Autos gehören. Die zusammenkommen, wieder auseinandergehen, Freundschaften schließen. In Italien postet eine junge Frau namens Giada ein Bild im Internet: zusammen in Mailand losgefahren, unterwegs viel Spaß gehabt, abends zusammen beim Essen in der Küche in Venedig. "Einige Leute lassen sich einfach am Parkplatz stehen und fahren weiter, andere Leute lernen sich näher kennen und kriegen Kinder", sagt ein Carpooling-Mitarbeiter.

Die neue Autowelt, sie ist eine offene Welt. Weniger kalkulierbar als die der alten Verkäufer-Weisheiten.

Ein Mann namens Matthias schreibt auf der Mitfahr-Seite im Internet, dass er am Vormittag in München losfährt. Seine Bedingung: "Kein Gequatsche". Am späten Nachmittag fährt Manuela von Stuttgart zurück nach München. Sie freut sich "auf nette Mitfahrer/-innen". Nett müssen sie halt sein. Alles andere ergibt sich.