Carpooling Daimler kauft sich mit 8 Millionen Euro bei Carpooling ein

Jahrzehntelang war die Welt einfach, wenn man sie von Untertürkheim aus betrachtete. Das Auto war der Taktgeber von mindestens zwei Generationen. Jetzt aber bröckelt der stille Pakt zwischen Mensch und PS-Maschine. Steffen, der Mann für die Innovationen, ahnte, dass da was passierte. Und irgendwann stieß er auf ein Unternehmen, das Carpooling.com hieß. Die beiden unterschiedlichen Welten kamen einander näher, als der große Autokonzern, der Milliardengewinne macht, sich im vergangenen Jahr mit acht Millionen Euro bei der digitalen Mitfahrzentrale einkaufte. Jetzt saß der Automanager Steffen aus der großen Konzernzentrale mit dem Stern plötzlich im Beirat einer Mitfahrplattform aus dem Münchner Hinterhof.

Es ist das Besondere an diesen Zeiten des langsamen Übergangs, dass Welten zueinander finden, die früher nie zueinander gefunden hätten.

Für Daimler waren die acht Millionen Euro, nun ja, Peanuts. Für die Münchner war es sehr viel Geld. Barnikel will seine Firma noch größer machen, in die USA, nach Japan und Südamerika gehen. So ist das in der neuen Autowelt. Auch ein kleines Hinterhof-Start-up spielt manchmal das Spiel der ganz Großen. Vor allem, wenn es sich einmal mit den Großen eingelassen hat. Dabei: Ein Konzern wie Daimler braucht an die 270 000 Mitarbeiter, um Millionen von Menschen zu bewegen. Carpooling braucht dafür nur ein paar Handvoll Leute. Und Anbieter wie Valentin, der von München über Stuttgart nach Karlsruhe fährt und sich auf nette Leute freut. Die Donnersbergerbrücke in München ist vielleicht nicht der perfekte Ort, um nette Menschen zu treffen. Der Wind bläst kalt, der Blick auf Bahngleise und Neubaugebiete: trostlos. Aber die S-Bahn-Haltestelle Donnersbergerbrücke liegt günstig, wenn man zur Autobahn will. Man kommt gut hin, man kommt gut weg. Deswegen stehen hier schon früh am Morgen die ersten Leute mit Rucksäcken und Koffern auf der Brücke herum. Sie warten nicht auf den Zug und nicht auf den Bus. Sie warten auf ihre Mitfahrgelegenheit. Ihre Fahrt.

Nach Stuttgart, Nürnberg, Berlin, Prag. Suchen nach silberfarbenen Golfs oder schwarzen BMWs. Nach jemandem, der Valentin heißt oder Robert oder Manuela. Sie sind die Menschen, vor denen die Autokonzerne Angst haben. Denn je mehr Menschen so denken wie sie und morgens auf Brücken und an Straßenkreuzungen stehen und auf ihre Mitfahrgelegenheit warten, desto weniger Autos verkaufen VW, Daimler und BMW.

Symbiose zwischen Autobesitzer und Kunde

Früher waren es ein paar Studenten, die sich am Wochenende gegenseitig mit nach Hause nahmen. Heute nutzen Millionen von Menschen in Europa jeden Tag Mitfahrzentralen. Ohne den Lift am Freitagnachmittag wäre ihre Wochenendbeziehung längst im Eimer. Ohne die Fahrgemeinschaft morgens um sieben kämen sie nicht zur Arbeit. Mitfahren ist chic. Gerade jetzt in der Krise.

Fahrer und Mitfahrer, Autobesitzer und Kunde. Das ist eine Symbiose, die ziemlich einfach funktioniert.

Wer mitfährt, zahlt je nach Auto zwischen fünf und sieben Euro pro 100 Kilometer. Billiger geht es nicht, auch nicht mit der Bahn. Autofahrer, die andere mitnehmen, tun dies gar nicht wegen der paar Euro. Sie tun es, um nicht allein zu sein in ihrem Auto. Mitfahren, das ist auch ein Mittel gegen die Einsamkeit. Wer allein mit seiner 200-PS-Limousine von Hamburg nach München fährt, hat nicht nur eine miese CO2-Bilanz. Auch seine soziale Bilanz ist kümmerlich.

Auch Valentin will nicht allein fahren. Kurz nach 10 Uhr rollt er mit seinem silbergrauen VW auf die Donnersbergerbrücke . Kurze Begrüßung, Namen abklären, man ist schnell per Du. Hannah sitzt hinter Valentin, Steffen daneben. Steffen hat Erfahrung mit dem Mitfahren. Berichtet, wie er mal mit einem Russen fuhr, der ihm die ganze Fahrt über erzählte, warum Putin der richtige Mann ist. Putin, Hunderte von Kilometern lang. Da muss man durch. Trotzdem fährt Steffen immer wieder mit. Kurzstrecken, Langstrecken. Man kommt von A nach B, zahlt wenig Geld dafür, und - wenn alles gut geht - hat man jemanden getroffen, mit dem man klarkommt.

Steffen ist Sozialarbeiter. Hannah studiert Kunst. Valentin ist Architekt. Drei Menschen in einem Auto. Eine Zufallsbekanntschaft, weil viele Menschen nicht mehr mit dem eigenen Auto fahren wollen.