Boatsharing Mein Boot ist dein Boot

Teilen statt besitzen: Dinge gemeinsam zu nutzen ist sinnvoll, günstig und inzwischen auch ziemlich schick. Jetzt gibt es auch eine Boatsharing-Börse. Doch die wird von Statussymbol-Seglern noch argwöhnisch beäugt.

Von Erdmann Braschos

Bei Autos heißt es Carsharing, bei Wohnungen Zwischenmiete, bei Sofas Couchsurfing - all diese Spielarten des Teilens haben denselben Hintergrund: Der eine hat etwas, was er gerade nicht braucht. Und der andere braucht etwas, was er nicht selbst haben will. Ein Auto, um ein Sofa zu transportieren. Eine Wohnung für ein kurzes Praktikum in einer anderen Stadt. Eine billige Übernachtungsmöglichkeit.

Diese Möglichkeit, durch Teilbörsen Geld und sonstigen Verwaltungs- oder Wartungsaufwand zu sparen und dennoch mobil zu sein, gibt es jetzt auch für Segelboote. Denn Segeln ist ein schönes, leider aber teures und zeitintensives Hobby. Zu den Anschaffungskosten kommen Liegeplatz, Versicherung und Instandhaltung. Pflege, Ein- und Auswintern, Arbeitsdienste im Segelverein binden Zeit. Ein beträchtlicher Aufwand, vor allem im Verhältnis zu den auf dem Wasser genossenen Stunden. Als Alternative zum Kauf ab und zu eine Jolle zu mieten oder eine Yacht in einem windsicheren Revier zu chartern, ist oft aufgrund des schlechten Zustands der Mietboote ernüchternd, und Charter-Yachten in der Ferienzeit sind teuer und haben manchmal den Charme einer Billigherberge. Zugleich dümpeln unzählige gepflegte Boote in privater Hand den größten Teil der Saison ungenutzt an ihrem Liegeplatz.

"Segeln und segeln lassen"

Die Hamburger Studenten Peter Sorowka und Marius Schmeding haben eine Antwort auf dieses Dilemma. Sie bringen Angebot und Nachfrage mit einem neuen Konzept zusammen. "Bootschaft" haben sie ihr Projekt genannt, dessen Claim "segeln und segeln lassen" lautet. Sorowka ist 26, Elektroingenieur; er schreibt gerade seine Doktorarbeit zum Thema zivile Radarsignalverarbeitung an der TU-Harburg. Sein Kompagnon Marius Schmeding studiert Elektrotechnik. Vor zwei Jahren kam Schmeding durch eine Erbschaft in den Besitz einer Jolle, die er gern behalten wollte. Ihm fehlte aber absehbar die Zeit zu einer mehr als sporadischen Nutzung, und zweitens war ihm der Betrieb der Jolle zu teuer. Also machten die beiden aus der Not eine Tugend und aus der Erb- ihre Bootschaft: das Boatsharing-Portal.

Im Herbst und Winter 2010 konzipierten sie die Hardware nebst Website. Im Frühjahr montierten sie ein kleines Kästchen zur GPS-gestützten Kursüberwachung in ihrem betagten Mahagoni-Zugvogel. Eine etwa DIN-A5-große Solarzelle am Heck versorgt jetzt eine Motorradbatterie mit dem erforderlichen Strom. Über die Homepage kann das Boot gebucht und der Kurs vom Ablegen bis zur Rückkehr an den Liegeplatz nachvollzogen und die Bezahlung der Segelstunden abgewickelt werden. Interessenten registrieren sich zunächst kostenlos. Wer ein Boot mieten möchte, bekommt beim ersten Mal eine Einweisung, hinterlegt eine Kaution, eine Kopie des Personalausweises und des Segelscheins. Soweit ähnelt der Einstieg bei Bootschaft der üblichen Miete beim Bootsverleih.

Im vergangenen Jahr ging es mit 30 registrierten Seglern los. Der Zugvogel wurde auf Hamburgs Stadtsee, der Außenalster, zwanzig mal gemietet. Dieses Jahr war die Geronimo auf der Alster bereits mehr als hundert bezahlte Stunden unterwegs - und mit mehr als 2000 Euro Mieteinnahmen wurden die Betriebskosten der Jolle damit mehr als gedeckt. Das Boatsharing-Konzept der beiden Studenten scheint aufzugehen. Die Flotte wurde daraufhin prompt erweitert: Um ein Exemplar des noblen Dreimann-Kielboots Drachen. "Wir leben heute in einer Zeit, in der man Dinge nicht mehr unbedingt haben muss, um sie zu benutzen" meint Sorowka in Bezug auf Fahrradvermietungskonzepte, Carsharing oder die Vermietung der eigenen Wände an wildfremde Besucher. Bei den meisten Konzepten muss man nur einmalig die Anmeldeprozedur hinter sich bringen und muss an Ort und Stelle mit einem Smartphone umgehen können - das ist alles.