1936 überraschte BMW mit einem kompromißlosen Sportwagen
(SZ vom 08.06.1996) Nürburgring, 14. Juni 1936. Der 'Ring', wie ihn Insider nennen, präsentiert sich so, wie er auch 1996 noch ist: Ein Renntag ohne Regen ist kein richtiger Eifeltag! Aber dieser 14. Juni bietet den 250 000 erwartungsvoll in den Nebel starrenden Besuchern etwas, das sie von den nassen Sitzen reißt und das Automobilgeschichte schreibt.
Anzeige
An der Spitze des 34 Fahrzeuge starken Sportwagenfeldes steht - gemeldet von den Bayerischen Motoren Werken in München und pilotiert vom MotorradWeltrekordfahrer Ernst Henne - ein weißer Roadster, schlank, eine mit Kühlrippen versehene lange Haube. Er ist anders als die BMWs, die man bis jetzt sah: fließende Formen, eine elegant geschwungene Front mit zwei nierenförmigen Lufteinlässen, niedrige Windschutzscheibe, aus Gewichtseinsparungsgründen gelochte Felgen und - ins Auge stechend - eine mit zwei Lederriemen gesicherte Motorhaube. Unter ihr, den Blicken verborgen, schlägt ein neues Herz, das von nun an über mehr als 20 Jahre die europäische Automobilszene beeinflussen wird, woran an diesem Tag noch niemand glaubt.
Die internationale Motorsportgemeinde drängt sich in der Zwei-Liter-Klasse, und diese zu beherrschen ist das Ziel der ehrgeizigen Münchner. Ihr genialer Konstrukteur Rudolf Schleicher hat dem neuen BWM 328 das Rüstzeug mitgegeben: ein Hubvolumen von 1971 Kubikzentimeter halbkugelförmige Brennräume und v-förmig angeordnete Ventile.
Ein Aluminium-Zylinderkopf mit drei Solex-Fallstromvergasern garantiert selbst in der wenig später vorgestellten Serienversion 80 PS und eine Spitzengeschwindigkeit von 150 Stundenkilometern; in der Rennsportversion sind es sicher 90 PS oder mehr.
Der Verlauf des Renndebüts des 328 ist schnell erzählt: Ernst Henne hat mit einem Schnitt von 101,50 Stundenkilometern auf der gefährlichen 'Nordschleife' selbst die wesentlich stärkere Kompressor-Konkurrenz geschlagen und war weit überlegen mit der schnellsten Zeit aller Sportwagen durch das Ziel gegangen: erster Start, erster Sieg!
Doch dieses Ereignis bedeutete weit mehr als nur einen Rennsieg. Es war der Beginn eines Mythos, der die Buchstaben BMW zum Synonym für sportliche Leistung für die kommenden sechs Jahrzehnte machen sollte. Mehr als 200 Siege und 100 Goldmedaillen pflastern die Erfolgsstraße des 328. Was aber wies dem Sportler aus München den Weg in die Zukunft? Sein Erfolg lag im Mut seiner Konstrukteure, einige bis dahin gültige Credos des Automobilbaus über Bord zu werfen.
Ging die Konkurrenz doch weitgehend davon aus, daß Gewicht und Masse auch Sicherheit und Straßenlage bedeutete, so wies BMW mit dem Erfolg des 328 schlüssig nach, daß konsequenter Leichtbau, ideale Gewichtsverteilung, aerodynamische Linienführung und überragende Motorisierung - kombiniert mit einem optimal abgestimmten und torsionssteifen Fahrwerk - aus einem 'Kleinen' einen ganz 'Großen' und Erfolgreichen machen konnte - eine unschlagbare Mischung.
Inspiration für viele Klassiker
Hinzu kommen als Erfolgskomponenten formale Ästhetik und die bereits damals gerühmte innovative Entwicklungsarbeit der Münchner. Gebaut wurden die Fahrzeuge der bayerischen Marke übrigens bis nach dem Krieg in Eisenach.
Es war die eben zitierte formale Ästhetik des 328-Mille-Miglia-Roadsters, die als bayerische Inspiration für viele spätere automobile Klassiker diente; eine nicht uninteressante Pointe, da dieser die Linienführung des geplanten 328-Nachfolgers 318 vorwegnahm. In formaler Verwandtschaft zum Jaguar XK 120, zum MGA, aber auch zum Austin-Healey 100 lebt die einmalige Form des 328 weiter.
Trotz nur 464 Wagen, die zwischen 1937 und 1939 vom 328 gebaut wurden, wurde er schnell zum Star nicht nur der Werks- und Privatfahrer, sondern auch einer anspruchsvollen, individuellen Kundschaft: Für sie bauten bekannte Karossiers wie Wendler, Weinberger, die Schweizer Graber und Beutler, aber auch die Vereinigten Werkstätten in München eigenwillige Roadster- und Coupéaufbauten. Selbst der für seine Zeit recht hohe Preis von 7400 Reichsmark wirkte nicht besonders abschreckend.
Die 24 Stunden von Le Mans galten bereits in den dreißiger Jahre als das schwierigste Rennen der Welt - nur alle 24 Runden war es erlaubt, Öl, Wasser und Treibstoff nachzufüllen. Trotzdem gelang es bereits 1938 zwei 328-Roadstern und einem von Tourin in Mailand karossierten Coupé, die ersten drei Plätze ihrer Klasse zu gewinnen.
Weihnachten und Ostern fielen für den 328 auf einen Tag, als es dem Team aus München 1940 gelang, auch das gefürchtetste Straßenrennen der Welt, die Mille Miglia, auf den Plätzen 1, 3, 5 und 6 zu beenden. Gesamtsieg und Mannschaftspreis gingen an BMW.
Kurz danach endeten für viele Jahre alle Motorsportaktivitäten, der Krieg bestimmte das Zeitgeschehen.
Sportliche Karriere in Großbritannien
Eine zweite, parallellaufende Karriere machte der 328 'auf der Insel'. Englische Motorsportfans gehörten zu den treuesten Kunden der Rechtslenkerversion, die unter dem Namen Frazer-Nash BMW angeboten wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Motor des 328 dort weiterentwickelt und avancierte zum Dreh- und Angelpunkt einer Vielzahl unterschiedlichster Marken, deren Klang noch heute nachwirkt: Bristol, Kieft, Tojeiro, AC und Copper-Bristol in England, Arnolt Bristol in den USA, AFM, Veritas und Holbein im Nachkriegsdeutschland, und nicht zu vergessen - AWE und EMW an der automobilen Wiege der Bayerischen Motoren Werke, dem 'ostdeutschen' Eisenach.
Heute gehören die noch existierenden rund 200 von ursprünglich 464 Exemplaren zu den meistgesuchten Liebhaberfahrzeugen auf dem internationalen Sammlermarkt. Ende der dreißiger Jahre hätte man für den damaligen Kaufpreis von 7400 Reichsmark sechs Opel P 4 inklusive Tankfüllung bekommen.
Der agile Sportler 328 läßt immer wieder einmal sein Genie aufblitzen. So gelang es Mitte Mai 1996 dem Team Cané/Galliani 46 Jahre nach dem denkwürdigen Mille-Miglia-Sieg erneut, das traditionelle italienische Straßenrennen auf einem 328-Roadster - der bereits 1940 einmal siegreich war - zu gewinnen.
Der 328 hat weder seine Anziehungskraft noch seine Ausstrahlung oder Leistungsfähigkeit eingebüßt. Vielleicht war er der erste 'echte Roadster', sicher jedoch der Begründer der BMW-typischen Freude am Fahren.
Von Leif Erik
Kuriose Schilder (4)