Von Jörg Reichle

Vor 50 Jahren half der hübsche 700 dem BMW-Konzern aus der Krise - seine Ambitionen sieht man ihm heute noch an.

Der Teppich der Erinnerung ist ausgebleicht und voller Löcher. Wann wir uns zum ersten Mal begegnet sind, weiß ich nicht mehr. Auch nicht, ob wir uns gleich verstanden haben. Nur dieses wunderschöne Blau, hell wie der Himmel, von dem er mir geradewegs herabgefallen schien, habe ich nie vergessen. Mutter hatte den 700er von Vater geschenkt bekommen, für die tägliche Fahrt zum Einkaufen in die Kreisstadt. Von nun an gehörte er zur Familie. Ein kleines Coupé, freundlich und leicht. Wenn ich auf dem Beifahrersitz Platz nahm, sah ich kaum nach draußen. Neun, vielleicht zehn, war ich da. Heute noch sehe ich die gestreiften Polster vor mir - grau, blau und ein bisschen weiß, glaube ich. Und die Plastikumrandung des klappenlosen Handschuhfachs und den Zündschlüssel gleich unten am Schalthebel.

Bild vergrößern

Heißes Herz: Mit dem BMW 700 Sport auf den Straßen des Montafons (© Foto: G. Muschalla)

Anzeige

Wenn die Eltern vorn saßen, musste ich nach hinten. Dort war es eng, manchmal schlug man mit dem Kopf gegen die Heckscheibe. Samstags durfte ich ihn waschen, weil ganz Deutschland samstags Auto wusch anfangs der sechziger Jahre. Wohnstraßenidylle. Das erste bisschen Wohlstand, und dann gleich so ein hübsches Zweitwägelchen. Er und ich, wir waren die Kleinsten in der Familie, so was verbindet. Später folgten ihm andere, meist größere in die Familiengarage. Ein 1600er BMW zuerst, danach kamen Golfs. Aber der kleine 700er blieb etwas Besonderes.

Es dauerte lange bis wir uns jetzt wiedersahen, mehr als 45 Jahre um genau zu sein. BMW hatte angeboten, beim Oldtimer-Treffen Silvretta Classic einen 700 Sport zu fahren, Rennausführung, ganz in hellem Grau, mit dunkelblauen Keilen auf den vorderen Kotflügeln. Picobello restauriert, ohne Stoßstangen, aber mit einem riesigen Nardi-Lenkrad und winzigen Schalensitzen. Dass man ihn immer noch liebt im Konzern, auch nach so vielen Jahren, ist kein Wunder, schließlich hat der 700er den Weißblauen vor 50 Jahren das Leben gerettet. Das ist eine schöne Geschichte, vor allem das Happy End.

Große, schnelle und teure Autos baute man nach dem Krieg bei BMW, den wuchtigen Barockengel zum Beispiel oder den bildschönen 507. Damit war Eindruck zu machen, aber wenig Geld. Später, Mitte der fünfziger Jahre, sollte die billige Isetta den Rückgang im Motorradgeschäft kompensieren. Doch bald wollte auch kein Mensch mehr die winzigen Arme-Leute-Autos, schließlich tanzte Deutschland schon beschwingt zur Wirtschaftswunder-Melodie. Es kam dann 1957 der Isetta-Nachfolger, 600 genannt, im Grunde nur eine verlängerte Knutschkugel mit Frontaleinstieg. Das reichte den immer anspruchsvolleren Kunden nicht. Der Flop bescherte dem Konzern vollends rote Zahlen, die Lage war prekär. Ein "Mittelwagen" musste her, wie das damals hieß, so schnell wie möglich.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 3 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Das kleine Wunder
  2. Im Herbst 1957 gab der Vorstand grünes Licht
  3. Eine erfolgreiche Geschichte
Leser empfehlen