Autoland Japan Viele sind zu arm für ein Auto

Kreuzung in Tokio: Weite Teile Japans sind verkehrstechnisch erstklassig erschlossen. Doch Straßen werden immer leerer und die Autos immer kleiner.

(Foto: Stone/Getty Images)

Japan war eine stolze Autonation. Heute kann sich kaum noch eine normale Familie ein klassisches Fahrzeug leisten. Die meisten kaufen billige Kleinstwagen - oder greifen gar zu den einst verpönten Gebrauchten.

Report von Christoph Neidhart

Die Autobahn-Rampe zur Raststätte Daikoku Futo schraubt sich aus der Höhe der "Yokohama Bay Bridge" in einer doppelten Spirale hinunter. Daikoku Futo liegt auf einer künstlichen Insel zwischen Hafen, Container-Terminals, Lagerhäusern und Industrie-Brachen in der Bucht von Tokio. Hier treffen sich immer in den Nächten auf Samstag und Sonntag die "Car-Otaku". Es sind die Auto-Fans - oder mehr als das: Menschen, die ihr ganzes Leben auf einen Fetisch ausrichten.

Ein weißer Subaru WRX mit schwarzem Heckspoiler dreht im Schritttempo eine kleine Runde um den Parkplatz, den manche auch "Speed-Tempel" nennen. Der junge Fahrer rollt vorbei an geparkten Porsches, Nissan Fairladys, Mazda Miatas und einem Lamborghini. Er lässt den frisierten Motor aufröhren wie ein Formel-1-Triebwerk vor dem Start. Vom Unterboden aus beleuchten blaue Neonröhren die Straße, sie lassen den Subaru auf einer Lichtwolke schweben. Herumstehende Männer blicken ihm anerkennend nach.

Fluch des Flügels

Manche dürften sich abwenden, wenn sie den WRX STI sehen. Dabei ist der Subaru zivilisierter, als ihn die Optik erscheinen lässt. Der Flügelflitzer ist ein echter Schmuddelwetter-Porsche. Von Thomas Harloff mehr ... Test

Im Speed-Tempel von Daikoku Futo will man sehen und gesehen werden.

Sehen und gesehen werden

Die Leute, mehrheitlich junge Männer, hängen herum, tippen auf ihren Smartphones, viele rauchen, ab und zu fotografiert einer einen Sportwagen. Ist er besonders attraktiv, lehnt sich fürs Foto eines der jungen Mädchen an die Kühlerhaube.

Doch der Speed-Tempel ist halb leer. Sogenannte Vanning, die Daikoku Futo einst berühmt gemacht haben, sind kaum noch zu sehen. Vanning, von "Van", nannten Japans Auto-Enthusiasten Kleinbusse, die sie zu Märchengefährten aufmotzten. Sie hatten beispielsweise steil nach hinten in die Höhe ragende Flügelspoiler und mächtige Vorbauten aus Polyester, einen kuscheligen Innenausbau mit Vorhängen, gelegentlich ein Aquarium an Bord. Dazu viele bunte Leuchten - auch am Unterboden.

Der Nissan X-Trail ist ein echtes Vernunftauto

mehr...

Im Heck führten manche riesige Lautsprecheranlagen mit, aus denen sie auf der Raststätte Musik gegen den Lärm der Autobahn über ihren Köpfen andröhnen ließen. Die Bässe brachten das Zwerchfell zum Vibrieren, stören konnte das in diesem Niemandsland aus Beton eigentlich niemanden. Dennoch duldet die Polizei die Musikanlagen nicht mehr.

Es ist weniger los als früher

"Gute Vanning werden nicht mehr zugelassen", erzählen drei Männer mit Kameras, die jedes Wochenende herkommen. Überhaupt sei hier längst nicht mehr so viel los wie früher, sagen sie nostalgisch. Schuld sei die Polizei, die die Car-Otaku behindere. "Zuweilen sperrt sie den Zugang zum Parkplatz sogar ab", sagt einer.

Obwohl in dieser Nacht kein Streifenwagen zu sehen ist, füllen sich die 300 Parkplätze bis Mitternacht höchstens zur Hälfte. Einst pilgerten die Car-Otaku aus ganz Japan hierher, heute kommen fast nur noch Leute aus der Region - und gelegentlich ein paar europäische Touristen. Die Mehrheit der Car-Otaku fährt gemeinsam in vollbesetzten, normalen Personenwagen vor. Die fallen höchstens durch zusätzliche Scheinwerfer und aufgeklebte Manga-Mädchen auf.