Autobahnkirchen in Deutschland "Manchmal ist außer mir und Gott niemand da"

Die Autobahnkirche im bayerischen Adelsried Maria war 1958 die erste ihrer Art in Deutschland.

Gerade zehn Minuten verbringen Besucher durchschnittlich in einer Autobahnkirche. Sie suchen dort neben der Andacht vor allem eines: Ruhe. Und es kommen auch die, die ohne Begleitung fast nie in die Kirche gehen - Männer.

Von Steve Przybilla

Die Abfahrt zu Gott war nicht freiwillig. Geduldig kramt der ukrainische Lkw-Fahrer nach seinem Lieferschein, den die deutschen Polizeibeamten sehen möchten. Zwischen München und Augsburg haben sie ihn herausgewunken, A8, Ausfahrt Adelsried, mitten in der Baustelle. Dass der Parkplatz vor Deutschlands ältester Ausbahnkirche liegt, kann man für einen Zufall halten. Oder Schicksal. Je nachdem, wie man es mit dem Glauben hält.

Der Lkw-Fahrer hat sich entschieden, die Zwangspause sinnvoll zu nutzen. In Jogginghose und Pantoffeln schlurft er durch die gläserne Eingangstür. Er bekreuzigt sich, kniet nieder und senkt den Kopf. Kein Wort, keine Beichte - einfach nur Stille. Ein paar Sekunden vergehen, bevor sich der Mann wieder erhebt. Er lächelt. Ein flüchtiger Blick auf das 2,50 Meter mal zwei Meter große hängende Holzkruzifix, dann steigt er wieder in seinen Lkw. Die Reise kann weitergehen.

"Ich pastoriere nicht"

Drinnen sitzt ein groß gewachsener, stämmiger Mann. In der Ecke zwischen den Rosenkränzen und Infobroschüren ist Pater Wolfram Hoyer trotzdem kaum zu erkennen. Er hält sich gerne im Hintergrund. "Ich pastoriere nicht", sagt der 45-jährige Dominikanerbruder, der das Gotteshaus seit acht Jahren leitet. Im Sommer sitze er meist draußen, mit einer Pfeife im Mund und einem Buch in der Hand. "Manchmal ist außer mir und Gott niemand da", sagt Hoyer. Aber selbst wenn viel los sei, komme er beim Lesen in der Regel gut voran. Denn: "Die Leute wollen ihre Ruhe, wenn sie in die Autobahnkirche kommen."

Das Haus ist klein und effizient gebaut, eine typische Nachkriegskonstruktion mit viel Glas und roten Dachziegeln. Eingeweiht wurde es am 12. Oktober 1958, finanziert durch den Augsburger Papierfabrikanten Georg Haindl. Der spendable Unternehmer hatte sich zuvor gewundert, warum in Bayern an fast jeder Ecke ein Kreuz steht - nur nicht an den aufstrebenden Autobahnen. Mit seiner Idee traf Haindl den Nerv der Zeit: Die Kirche wurde "noch vor ihrer Weihe von einem Besucheransturm überrollt", heißt es in der Chronik, in der von "mindestens 1000 Fahrzeugen" die Rede ist.

Die Massen in der Kirche: Klingt ziemlich romantisch, ein bisschen nach guter alter Zeit, stimmt aber wirklich. Die Fotos von damals zeigen einen proppenvollen Parkplatz: Käfer neben Käfer, Stoßstange an Stoßstange. Männer mit Krawatte und Einstecktuch, Frauen mit Hut und langen Kleidern. Und heute? Steht nur das Auto des Paters vor der Autobahnkirche. "Täuschen Sie sich nicht", sagt Hoyer, "hier ist mehr los, als Sie denken."

Zehn Minuten in der Autobahnkirche

Tatsächlich treten innerhalb der nächsten halben Stunde sechs Personen vor den Altar. Sie kommen und gehen. Die "durchschnittliche Verweildauer" in einer Autobahnkirche beträgt gerade mal zehn Minuten, wie eine Studie des Zentrums für kirchliche Sozialforschung an der Katholischen Hochschule Freiburg herausfand. Eine weitere Erkenntnis: Es kommen vor allem die, die ohne Begleitung fast nie in die Kirche gehen - Männer.

Vor der Tür stellt der nächste Besucher sein Vehikel ab, ein Fahrrad. "Ich schaue seit der Eröffnung jede Woche vorbei", erzählt Peter Tokar (64). Der ursprünglichen Zielgruppe entspricht er nicht ganz, denn er wohnt im Nachbardorf Rommersried - nicht gerade eine Fernreise. "Wenn ich unterwegs bin, schaue ich nur selten in Autobahnkirchen vorbei", erzählt Tokar und zündet eine Kerze an. Einmal habe er auch in Baden-Baden gehalten, an einem pyramidenförmigen Gotteshaus direkt an der A5. "Tolle Architektur", meint der Kirchgänger. Aber sonst? "Gehe ich zu Hause in die Kirche."