Autobahnen, Brücken, Bahngleise Deutschland kaputt

Die Stau-Meldungen zur Urlaubszeit sind kein Zufall. Seit Jahren steckt die Republik zu wenig Geld in den Erhalt ihrer Verkehrsinfrastruktur. Eines ist sicher: Nach der Wahl wird das anders. Fragt sich nur, wer zahlt.

Von Daniela Kuhr, Berlin

Es ist Sommer. Es ist heiß. Fast überall sind bereits Ferien. Glücklich, wer das Wochenende am See, am Meer oder in den Bergen verbringen darf - und schon da ist. Wer sich dagegen erstmal ins Auto setzen muss, um dorthin zu kommen, kann einem leid tun. Er braucht Geduld. Viel Geduld. Denn ausgerechnet in Deutschland, das für seine tempolimit-freien Autobahnen berühmt ist, bewegt sich in diesen Tagen häufig gar nichts mehr. Die Menschen stehen im Stau. In einem von 800, die sich täglich bilden.

Schuld daran sind zum einen natürlich die Sommerferien, die permanent in irgendeinem Bundesland beginnen oder demnächst auch schon wieder enden. Gerade war Baden-Württemberg dran, am Mittwoch folgt Bayern. Aber selbst wenn sich Millionen von Menschen gleichzeitig in Bewegung setzen, müsste das nicht zwangsläufig bedeuten, dass es jedesmal zum Stillstand kommt, wie an diesem Wochenende laut ADAC vermutlich wieder auf 15 Autobahnen im ganzen Bundesgebiet.

Dass zur Zeit die Staumeldungen im Radio manchmal länger als die Nachrichten dauern, liegt vielmehr an einem schweren, für die größte Volkswirtschaft Europas geradezu unverzeihlichen Versäumnis: Deutschland steckt seit Jahrzehnten viel zu wenig Geld in den Erhalt seiner Verkehrs-Infrastruktur.

Zwar wurde bundesweit immer gebaut, aber viel zu häufig ging es dabei um neue Projekte: hier eine Umgehungsstraße, dort eine weitere Autobahn oder zumindest eine zusätzliche Spur. Dass aber alles, was einmal gebaut ist, irgendwann auch gepflegt und erneuert werden will, geriet dabei völlig aus dem Blickfeld. Für einen Politiker ist es nun einmal schöner, sich für eine neue Straße feiern zu lassen - als für einen neuen Straßenbelag.

Deutschland lässt seine Verkehrswege verkommen

Und so klafft seit Jahren eine tiefe Lücke zwischen dem Betrag, der nötig wäre, um die Infrastruktur in Schuss zu halten, und dem Betrag, der tatsächlich fließt. Was letztlich nichts anderes bedeutet als: Deutschland lässt seine Verkehrswege regelrecht verkommen. Und zwar nicht nur die Straßen, sondern auch die Wasser- und Schienenwege.

Von 29.000 Eisenbahnbrücken seien 1000 mehr als hundert Jahre alt, klagt Bahnchef Rüdiger Grube. Und von dem 34.000 Kilometer langen Schienennetz stamme der Großteil noch aus dem 19. Jahrhundert. Der Modernisierungsbedarf ist immens. Noch viel stärker bei der Straße. "Unsere größten Sorgenkinder sind die Autobahnen mit einstelligen Nummern", sagt Andreas Hölzel, Sprecher des Automobilclubs ADAC. "Fast die Hälfte aller Staus ereignet sich auf einer von ihnen." Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schätzt, dass ein Fünftel des Autobahn-Netzes und 40 Prozent der Brücken in einem kritischen Zustand sind.

Welche Folgen das hat, war zuletzt mehrfach deutlich zu sehen. Ende vergangenen Jahres musste eine stark befahrene Autobahn-Brücke bei Leverkusen drei Monate lang für 3,5-Tonnen-schwere Fahrzeuge gesperrt werden, weil Risse aufgetreten waren. Eine weitere Brücke in der Nähe von Essen ist nur noch in einer Richtung befahrbar, weil die Fahrbahnübergänge dringend erneuert werden müssen. Und im Juni, als Deutschland ebenfalls unter einer Hitzewelle litt, platzten auf mehreren Autobahnen die Betondecken auf. Ein Motorradfahrer kam dabei ums Leben.