Angst vorm Autofahren "Da steckt eine Phobie dahinter"

Viele Menschen haben Panik davor, ein Auto zu lenken - obwohl sie einen Führerschein besitzen. Selten bekennen sie sich zu ihrer Angst. Doch Seminare für Wiedereinsteiger können helfen.

Von Steve Przybilla

Es überkommt sie ohne Vorwarnung. Sobald Magdalena Kaufmann (Name von der Redaktion geändert) im Auto sitzt, schaltet ihr Körper auf Alarmstufe Rot. "Manchmal ist es sogar so schlimm, dass ich Gas und Bremse verwechsle", beschreibt die 64-Jährige ihre Panikattacken. Die Konsequenz: Inzwischen setzt sich die Rentnerin kaum noch hinters Steuer, obwohl sie gerne ins Schwimmbad und zu Freunden fahren würde. Wäre da nur nicht die Angst.

Was Magdalena Kaufmann durchmacht, ist kein Einzelfall. Fahrverzicht nennen Verkehrswissenschaftler die Hemmung, ins Auto zu steigen, obwohl man per Führerschein dazu berechtigt wäre. Genaue Untersuchungen, wie viele Menschen darunter leiden, gibt es bis heute nicht. "Die Dunkelziffer dürfte aber sehr hoch liegen", schätzt Ursula Georg, die in Köln eine Fahrschule speziell für Frauen betreibt. Rund 30 Prozent aller Frauen ab 25 Jahren fahren nicht, obwohl sie es dürften, glaubt die Fahrlehrerin. Auch Männer seien betroffen, gingen aber mit ihrem Problem nicht in die Öffentlichkeit.

Fahrverzicht ist vor allem ein Großstadt-Phänomen

Doch Angebote, die Abhilfe schaffen könnten, sind rar. Bislang haben Fahrschulen und Automobilklubs in puncto Fahrverzicht nur sehr zögerlich reagiert. Zwar bieten sie regelmäßig Sicherheitstrainings und Auffrischungskurse an - aber kaum Seminare, die sich dem Fahrverzicht widmen. Außer Ursula Georg findet man nur eine Handvoll Anbieter mit ähnlichem Schwerpunkt etwa in Berlin, Hamburg, München oder Nürnberg. Fahrverzicht ist vor allem ein Großstadt-Phänomen. In den Metropolen lässt es sich gut ohne Auto leben, der öffentliche Nahverkehr bietet eine Alternative - und oft auch eine Ausrede für diejenigen, die sich ihr Problem nicht eingestehen wollen. "Auf dem Land hätte ich keine Chance", glaubt auch Ursula Georg. "Da muss man fahren, egal ob man will oder nicht." Dieser Zwang fällt in urbanen Gegenden weg, meist schon direkt nach der Führerscheinprüfung: Wer kein eigenes Auto besitzt, eignet sich keine Routine an. Dementsprechend wächst die Hemmschwelle, sich nach Jahren ohne Erfahrung wieder ans Steuer zu setzen.

"Da steckt eine Phobie dahinter", mutmaßt Egon Stephan. Der Verkehrspsychologe und Professor an der Uni Köln ist einer der wenigen Experten, die sich mit dem Thema Fahrverzicht beschäftigt haben. "Wer zum ersten Mal alleine fahren soll", sagt Stephan, "findet oft allerlei Ausreden, es nicht zu tun." Auf den Körper wirke dieser Entschluss dann wie eine Belohnung: "Die Anspannung lässt nach, man fühlt sich besser. Wenn man das mehrfach durchläuft und sich das Verhalten aneignet, entwickelt sich daraus eine konsequente Vermeidung." Dieser Effekt könne auch nach Jahren des Nichtfahrens noch einsetzen, denn: "Der Ablauf, es erst zu wollen und dann einen Rückzieher zu machen, ist immer gleich."

Die Angst systematisch überwinden

Was also tun? "Die Angst systematisch überwinden", rät Stephan. In kleinen Schritten üben, anfangs mit Begleitung fahren - auch wenn das schon mal nach hinten losgehen kann. So zumindest bei Marie Pfändler (Name von der Redaktion geändert), die von ihren gescheiterten Versuchen berichtet. Mit ihrem Freund, sagt die 26-Jährige, habe sie zunächst ein paar Runden auf dem Parkplatz gedreht. "Aber dann hat er mich gedrängt, doch direkt mal in den richtigen Verkehr zu fahren - das hat mich überfordert."

In die Fahrschule zu gehen, hält deshalb auch Verkehrspsychologe Stephan für eine Option: "Das ist völlig in Ordnung, wenn es hilft." Laut Ursula Georg bekämen 95 Prozent der Teilnehmer ihre Angst am Ende wieder in den Griff. "Mein Problem ist nicht das Fahren, sondern die anderen Fahrer. Die machen mich nervös", sagt eine Teilnehmerin im Seminar für Wiedereinsteiger. So gehe es vielen, weiß Ursula Georg. Allerdings muss man sich eine solche Therapie auch leisten können. Ein Schnupperseminar, bestehend aus zwei Stunden Theorie und einer Fahrstunde, kostet in der Kölner Frauenfahrschule 99 Euro. Danach sind in der Regel fünf bis zwölf weitere Fahrstunden zu je 49 Euro notwendig. Alles in allem kann die Überwindung des Fahrverzichts also ein paar hundert Euro kosten. Immer noch billiger als ein neuer Führerschein.