Dank Allradantrieb gerät der Italiener kaum in Verlegenheit
(SZ vom 08.01.1994) Vielen gilt sie als schönste Limousine der oberen Mittelklasse. Alfa-Marketingstrategen sehen sie - wenigstens in der leistungsstärksten Version Quadrifoglio Verde (QV) - gern auch als sportlichste. Doch genau damit haben jene Kunden Schwierigkeiten, die im Alfa 164 ein recht gutmütiges, frontgetriebenes Fahrzeug mit Sportlerherz sehen.
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Den von Pininfarina gezeichneten großen Alfa 164 QV treibt das zweifellos charaktervollste Triebwerk seiner Klasse an. Rasche Gaswechsel werden über vier obenliegende Nockenwellen und 24 Ventile gesteuert. Das Triebwerk lädt zu einer sportlichen Fahrweise ein, der dieses Automobil allerdings nicht immer gewachsen war. Das ist nun vorbei. Denn in diesen Tagen muß er einem reiferen Bruder weichen, der an Souveränität in nahezu allen Fahrzuständen nichts mehr zu wünschen übrigläßt: Kürzlich wurde der 164 QV vom 164 Q4 ersetzt.
Wer die Nomenklatur von Alfa Romeo beherrscht, hat bereits erkannt, daß der neue, große Alfa einen Allradantrieb besitzt: Es ist ein elektronisch gesteuerter, permanenter 4WD mit variabler Drehmoment-Verteilung. Vom gleichen 3,0-l-24V- Motor des bisherigen Spitzenmodells ausgehend - das dank neuer Bosch- Motronic 3.7, optimierter Kühlanlage und Abgasführung nunmehr 170 kW (232 PS) bereitstellt, geht die Kraft an eine Visco- Lamellenkupplung im Zentraldifferential und von dort an Vorder- und Hinterachse. Entsprechend vorherrschender Traktion wird auch dem jeweiligen Hinterrad nur so viel Kraft zugeteilt, wie es in Vortrieb umsetzen kann. Diese Aufteilung übernimmt ein Torsen-Hinterachsdifferential.
Dieses fortschrittliche Allradsystem verleiht der Alfa-Limousine nun jene Richtungsstabilität, der sich auch vergleichbare Allrad-Pkw bei Seitenwind, kritischen Fahrbahnzuständen und in schnell durcheilten Kurven erfreuen. Insgesamt bietet der Q4 bei viel Kraft ein erfreuliches Stück Fahrsicherheit. Gegenüber den kräftigen 164-Fronttrieblern, von denen noch der 164 3.0 V6 mit 135 kW (184 PS) und 164 Super V6 24V mit 154 kW (210 PS) im Angebot sind, schenkte man dem neuen 164 Q4 auch ein Sechsganggetriebe, wie es bereits andere Hersteller ihren sportlichen Top-Versionen implantieren. Über dessen technische Notwendigkeit in Verbindung mit drehmomentstarken Motoren ließe sich lange diskutieren. Vordenker der Industrie behaupten, der Markt verlange danach. Fest steht, daß der Alfa 164 Q4 durch die enge Abstufung seiner unteren Gänge sehr spurtstark ist - die Beschleunigung von Null auf 100 km/h kann in 7,5 Sekunden vollzogen werden - und im sechsten Gang seine Höchstgeschwindigkeit von 237 km/h erreicht.
Da im Preissegment um 80 000 Mark - so viel kostet der 164 Q4 in Deutschland - neben Hightech und Image auch Komfort gefragt ist, sitzt man im neuen Alfa 164 Q4 auf serienmäßigen Ledersitzen, reist in elektronisch überwachtem Klima und darf sich an einem angenehmen Ambiente erfreuen, das elektrisch beheizbare und verstellbare Außenspiegel, elektrisch verstellbare Vordersitze, Skiladeöffnung, Sonnenrollos hinten, eine beheizbare Windschutzscheibe und eine Scheinwerfer-Waschanlage beinhaltet. Da ABS und Fahrer-Airbag in diesem Alfa-Topmodell mittlerweile zum Standard gehören, bleibt die Sonderwunschliste recht dünn: Außer Recaro-Sportsitzen, einem elektrischen Schiebedach und Metalliclackierung braucht der verwöhnte Fahrer nur noch ein Autoradio dazuzukaufen. Leider wird eine elektrisch gesteuerte Dämpferkennung nur auf dem italienischen Markt angeboten - dort sogar serienmäßig.
Im direkten Vergleich bietet der allradgetriebene 164 Q4 mehr passive Sicherheit und höhere fahrdynamische Reserven als sein frontgetriebener Vorgänger 164 QV. Kritische Fahrzustände können kaum, und wenn, dann nur durch mutwillige Provokation, herbeigeführt werden. Besonders auf witterungsbedingt schlechten Straßen darf man dem Q4 absolute Überlegenheit attestieren. Nur 'Erbsenzähler' können über marginal schwächere Fahrleistungen klagen, denn die 170 Kilogramm Mehrgewicht, die durch den Allradantrieb bedingt sind, vermitteln den subjektiven Eindruck geringerer Spontaneität. Einzig meßbar aber bleibt die um acht Stundenkilometer niedrigere Höchstgeschwindigkeit.
Der neue Allrad-Alfa stößt in ein kleines Segment für Enthusiasten, denen der Alltag überwiegend Pragmatismus predigt. Und wer einen BMW 525iX für zu vernünftig und einen Audi 100 S4 für zu unauffällig hält, könnte bei diesem 164 Q4 fündig werden und dessen Charme und Chic entdecken.
Von Jürgen Zöllter