ADAC-Skandal ADAC-Ehrenpräsident läuft Sturm gegen Reformprozess

ADAC MEYER UND FLIMM Der scheidende Präsident des ADAC, Otto Flimm (r), und sein designierter Nachfolger Peter Meyer unterhalten sich am Samstag (12.05.2001) zu Beginn der ADAC-Hauptversammlung in Mainz. Der 71-jährige Flimm wird aus Altersgründen nicht mehr für das Amt des Präsidenten des mit bundesweit 14,3 Millionen Mitgliedern größten Automobilclub Deutschlands kandidieren. Flimm stand seit 1989 an der Spitze des ADAC. Der aus Mülheim/Ruhr stammende Meyer bewirbt sich zusammen mit Rolf-Peter Rocke aus Hamburg um die Nachfolge. dpa/lrs-Arne Dedert

(Foto: DPA/DPAWEB)
  • Der ehemalige ADAC-Präsident Otto Flimm stemmt sich mit einer Presseerklärung gegen den Reformkurs des aktuellen Präsidiums.
  • Sein Vorwurf: Der ADAC solle zum Nachteil der Mitglieder umgestaltet werden, das Vereinsvermögen deren Zugriff entzogen.
  • Die ADAC-Spitze sieht die Kritik gelassen. Ein Sprecher bezeichnet Flimms Vorwürfe als fragwürdig und inhaltlich halt- und substanzlos.
Von Uwe Ritzer

Als der ADAC in die Krise schlitterte, wirkte Otto Flimm irritiert und verärgert

Er verkörpert die deutsche Vereinskultur der Nachkriegszeit wie kaum ein anderer: Otto Flimm, 86, Sohn eines Kölner Wein- und Spirituosenhändlers, ab 1972 Vize- und ab 1989 Präsident des ADAC bis 2001. Seither ist Flimm Ehrenvorsitzender von Europas größtem Automobilclub und als dieser vor genau zwei Jahren in seine größte Krise schlitterte, wirkte Otto Flimm irritiert, verärgert, aber auch fest entschlossen, am aus seiner Sicht guten Alten festzuhalten.

Dass beim ADAC plötzlich viel von Reformen die Rede war, nachdem die SZ Manipulationen beim Autopreis Gelber Engel und allerhand andere Mauscheleien aufgedeckt hatte, erregte bei dem altgedienten Funktionär ziemlichen Argwohn. Vorsorglich warnte Flimm damals vor zu hohen Erwartungen in die Selbsterneuerung. "Niemand spricht davon, den ADAC völlig umzukrempeln", sagte er auf einer Hauptversammlung in Saarbrücken - womöglich mehr zu sich als zu den dort versammelten Delegierten.

Tugend-Wächter bestätigen ADAC gute Fortschritte im Reformkurs

Nun wird ihm das alles zu viel. Auf offiziellem Briefpapier des ADAC, seinen Titel "Ehrenpräsident" unübersehbar aufgedruckt, fährt Otto Flimm allen Reformkräften im ADAC mit einer wütenden Presseerklärung in die Parade. Der Zeitpunkt war wohl mit Bedacht gewählt. Zeitgleich mit Flimms Rundumschlag löste sich in München der Beirat auf, ein unabhängiges Vierer-Gremium von externen Tugendwächtern, das sich der ADAC auf dem Höhepunkt der Krise 2014 zugelegt hatte.

Seitdem wachten der Unternehmer und deutsche Unicef-Vorsitzende Jürgen Heraeus, die Deutschland-Chefin von Transparency International, Edda Müller, der ehemalige Verfassungsgerichts-Präsident Hans-Jürgen Papier, sowie der Politikwissenschaftler Rupert Graf Strachwitz darüber, dass der ADAC es ernst meint mit seinen Reformen. Das täte er tatsächlich, verkündeten die Beiratsmitglieder an diesem Mittwoch und lobten der Verband dafür, die eigene Erneuerung "gewissenhaft, konsequent und nachhaltig" voranzutreiben, weshalb er einen Beirat nun auch nicht mehr brauche. Zu diesem Zeitpunkt hatte Otto Flimm seinen Gegenfeldzug bereits gestartet.

Flimm warnt, ein Großteil des Vereinsvermögen werde den Mitgliedern entzogen

Ausgewählten Journalisten und ADAC-Funktionären leitete er eine zweiseitige Erklärung zu, in welcher er dem amtierenden Präsidium mit rechtlichen Schritten droht. "Mit falschen Argumenten und fragwürdiger Taktik arbeiten das Präsidium des ADAC e.V. und Heere von Beratern daran, den Verein zum Nachteil der Mitglieder umzustrukturieren", so Flimms Vorwurf. Von einem "sogenannten" Reformprozess ist weiter zu lesen, bei dem Vereinsmitglieder zu Kunden degradiert würden.

Sowohl vereins- als auch strafrechtliche Bedenken meldet der greise Ex-Funktionär gegen die Pläne an, den ADAC 2016 aufzuspalten: In einen Verein, eine Aktiengesellschaft und eine Stiftung. Dabei werde "ein Großteil des Vereinsvermögens dem Zugriff der Mitglieder entzogen", so Flimm weiter. "Das dürfen wir nicht zulassen." Das amtierende Präsidium um August Markl nutze dafür einen allgemein gehaltenen Reformbeschloss der ADAC-Hauptversammlung "als Persilschein".

ADAC-Spitze hält Vorwürfe für fragwürdig und inhaltlich für halt- und substanzlos

Flimm steht mit dieser Meinung innerhalb des ADAC nicht alleine da. Vor allem nicht in der Funktionärskaste des ADAC, wo viele ehemalige und einige noch amtierende Funktionäre die Reformuhr anhalten, am liebsten sogar zurückdrehen möchten. Vor einigen Monaten erst sorgte die umfassende Einführung eines Compliance-Modells, von Regeln für ordnungsgemäßes Wirtschaften also, für heftige interne Diskussionen, da es vor allem einigen Regionalfürsten in den beim ADAC mächtigen Regionalclubs zu weit ging. Wenn nun ein in diesen Kreisen und im alten ADAC hoch angesehener Fahrensmann wie Flimm die große Keule auspackt, bleibt dies nicht ohne Wirkung.

Die ADAC-Spitze jedoch gibt sich gelassen und keilt sogar zurück. "In ihrer Form fragwürdig, sowie inhaltlich halt- und substanzlos", nennt ein Sprecher Flimms Vorwürfe auf Anfrage. Diese seien noch dazu schlichtweg falsch. Und als Tritt auch vor das Schienbein der alten Funktionärskaste, für die Flimm ebenso steht wie sein Nachfolger, der im Zuge der Affären vor zwei Jahren zurückgetretene Peter Meyer, darf der Hinweis verstanden werden, mit dem der ADAC-Sprecher den Reformkurs verteidigt. Die von Flimm so scharf kritisierten Veränderungen seien "auch deshalb erforderlich geworden, weil es frühere ADAC-Verantwortliche versäumt haben, rechtzeitig eine angemessen transparente, sowie rechts- und zukunftssichere Mitgliederorganisation mit entsprechend klaren Strukturen zu schaffen".