Abgasskandal Hardware-Umrüstungen für Diesel funktionieren doch

Sauber per Aufpreis: Für viele deutsche Automodelle liegen Abgasreinigungsanlagen in den Regalen.

(Foto: Jan Woitas/dpa)
  • Bisher behauptete die Industrie, dass Hardware-Nachrüstungen für dreckige Diesel kaum möglich wären - und wollte das Problem mit Software-Updates regeln.
  • Nun zeigt der ADAC, dass sich die geforderten Systeme schon seit Jahren in den Ersatzteilkatalogen vieler deutscher Hersteller befinden.
  • Die Hälfte der deutschen Dieselautos fahren mit Euro 5-Motoren. Würden davon viele nachgerüstet, wäre an den Straßen wohl bald ein Effekt messbar.
Von Max Hägler

Die Automanager haben es so oft wiederholt, dass es bald alle glaubten: Nein, man könne nicht irgendwelche Abgasreinigungsanlagen unter Diesel-Autos schrauben, auf dass sie weniger Schadstoffe ausstoßen und die Städte lebenswerter werden. Das geht so nicht, hieß es etwa auf dem Diesel-Gipfel zu dieser Sache, die unter dem Stichwort "Hardware-Nachrüstung" bekannt wurde. "Eine Umsetzung wäre langwierig", erzählte der VDA, der Lobbyverband der Hersteller: Am Wagenboden sei kein Platz für neue Tanks und Rohre, und überhaupt müsste das alles getestet und genehmigt werden. Zu viel Arbeit. Oder wie Volkswagen-Chef Matthias Müller sagte: "Ich möchte meine Ingenieure zukunftsorientiert arbeiten lassen."

Und nicht rückwärtsgewandt. Vielleicht weil es so plausibel klingt, ließ sich Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) schnell davon überzeugen, CDU-Kanzlerin Angela Merkel auch, irgendwann sogar der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann: "Zaubern kann niemand", sagte Kretschmann und warb um Verständnis, dass die Autoindustrie nur simples Software-Tuning angeboten hat, um den Ausstoß gesundheitsschädlichen Stickoxids nach unten zu bringen.

Doch das bisschen Software wird kaum reichen, um gerichtlich verordnete Fahrverbote abzuwenden. Nun zeigt sich immer deutlicher: Es wäre offenbar auch weit Wirksameres möglich. Mit einigem Aufwand wahrscheinlich, aber ganz ohne Zauberei und zeitraubende Tests. Der Autofahrerverband ADAC hat sich Dieselautos vieler deutscher Hersteller angesehen, die nach Euro 5 zertifiziert sind. Und bei Durchsicht der Ersatzteilkataloge festgestellt: Für viele dieser jungen Gebrauchten gibt es bereits fertige Abgasreinigungssysteme - sie wurden angeboten in Kombination mit einem bestimmten Motor oder als Sonderausstattung.

"Das Argument, Autos könnten nicht mit wirksamen SCR-Systemen nachgerüstet werden, trägt zumindest für deutsche Hersteller überhaupt nicht", sagt Rainhard Kolke, ADAC-Technikchef. Die deutschen Hersteller hätten seit mindestens sechs Jahren für die meisten Dieselmodelle SCR-Systeme angeboten, also Abgasreinigungsanlagen, die mittels Harnstoff (im Handel unter dem Namen Adblue) sehr effektiv Stickoxide filtern. BMW verkaufte für viele Fahrzeuge zudem zumindest Speicherkatalysatoren, nicht ganz so wirksam, aber ebenfalls effektiver als Software allein. "Diese Abgasreinigungssysteme liegen also im Ersatzteilregal, sind zugelassen und können verbaut werden, weil sie auf die Automodelle angepasst wurden", sagt Kolke.

Die Autobauer entgegnen, dass die Wagen unterschiedlich produziert wurden, je nachdem, ob sie einen Katalysator an Bord hatten oder nicht. Nachrüsten sei stets extrem aufwendig. Der eine A4 mit Kat sei quasi "ein ganz anderes Auto", als der andere ohne, heißt es etwa von Audi. Ähnlich sieht es Daimler. Weiterhin bleibt die Nachrüstung also eine komplizierte Debatte. Und die ist für den ADAC "definitiv nicht beendet, auch wenn es der Industrie und industriefreundlichen Politikern recht wäre", sagt Ingenieur Kolke. Es ist eine Anspielung darauf, dass die Hersteller so wenig Geld wie möglich ausgeben möchten und ihnen die Politik weitgehend folgt. Damit ist der Verband mit seinen 20 Millionen Mitgliedern weiter auf Konfrontationskurs gegen Industrie und Dobrindt. Der äußert sich zur Sache auf Nachfrage nicht.

Hingegen will das Land Baden-Württemberg die Industrie nun doch in die Pflicht nehmen. "Die Software-Nachrüstung wird nicht reichen, um die Luftqualität in den Städten zu verbessern", sagt der dortige Verkehrsminister Winfried Hermann der Süddeutschen Zeitung: Es brauche "auch hardwareseitige" Lösungen. "Ich gehe davon aus, dass dieses Thema nach der Bundestagswahl endlich auch vom Bund angegangen wird", sagt der Grünen-Politiker. Sein Ministerium hat in der Debatte eine führende Rolle inne, weil die Stadt Stuttgart wegen der Kessellage extrem unter schlechter Luft leidet. Die Landesregierung prüfe, welche Umrüstmöglichkeiten es gibt.

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Ähnlich geht das von Barbara Hendricks (SPD) geführte Bundesumweltministerium vor, das ebenfalls an der Umrüstung festhalten möchte. Mit Interesse wird man vernehmen, dass für viele Autos Teile bereitliegen, die laut Branchenexperten mittlerweile weit weniger als 1000 Euro kosten. Es sei nun an den Autobauern, auf eigene Kosten nachzubessern, heißt es vom ADAC: "Weil sie die Verursacher sind, weil sie den Autofahrern etwas angeblich sehr sauberes verkauft haben, obwohl sie wussten, dass es sich im echten Betrieb anders verhält."

Nachrüstungen hätten wohl einen messbaren Effekt

Die Hälfte der Diesel-Autos, die in Deutschland fahren, haben Euro 5-Motoren unter der Haube: würden davon viele nachgerüstet, wäre an den Straßen wohl bald ein Effekt messbar: Durch SCR-Katalysatoren lassen sich etwa 90 Prozent der Stickoxide aus dem Abgasstrom herausfiltern. Die Software-Optimierung bringt indes etwa 25 Prozent.

Dabei sei bei der Software-Lösung "die spannende und wichtigste Frage" noch nicht beantwortet, sagt Kolke: Gehen die Stickoxide auch in den kalten Monaten nach unten? Nur dann wäre den Kommunen geholfen. "Es gibt an der Stelle weiterhin eine große Unsicherheit", sagt der ADAC-Cheftechniker. Er empfiehlt Autofahrern, die gerade ein neues Auto anschaffen wollen, sich für eine Alternative zum Diesel zu entscheiden oder aber mit dem Kauf eines Diesels zu warten. Demnächst werden Fahrzeuge mit neuen Abgasstandards in den Läden stehen (genannt Euro 6d), diese sind ab Werk mit effektiven Reinigungsanlagen ausgestattet.

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