Abgasreinigung Harnstofflösung macht Diesel-Abgase umweltverträglicher

Wie aus der Pistole: AdBlue-Zapfsäulen gibt es bislang fast nur für Lastwagen, Pkw werden per Kanister befüllt.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Käufer von SCR-Dieselfahrzeugen müssen sich an den zusätzlichen Betriebsstoff AdBlue gewöhnen. Der ist jedoch teuer - und bei mangelnder Sorgfalt mit Risiken fürs Auto verbunden.

Von Frank Schlieben

Während der VW-Betrug um gefälschte Diesel-Emissionswerte weiter die Gemüter erhitzt, zeigt sich die Zulassungsstatistik vom Dieselskandal bislang unbeeindruckt. Das hat sein auch sein Gutes, denn ohne moderne Diesel-Technologie sind die nach 2020 angestrebten Ziele der EU-Kommission für die Reduktion des CO₂-Ausstoßes mit einem Grenzwert von 95 Gramm je Kilometer nicht zu realisieren. Zudem scheint man bei neuen Diesel-Pkw, die die Euro-6-Norm erfüllen, die Stickstoffoxid-Emissionen (NOx) in den Griff zu bekommen.

Wie VW nach dem Abgasskandal seinen Kunden entgegenkommt

Die Umrüstung der manipulierten Motoren soll nicht mal eine Stunde dauern. Kunden dürften während der Reparatur mit "Ersatzmobilität" rechnen. mehr ...

Automobilhersteller nutzen innermotorische Maßnahmen und solche zur Abgasnachbehandlung, um die Stickoxide im Abgas zu reduzieren. Die nach aktuellem Stand der Technik effektivste ist die Abgasnachbehandlung mittels einer Harnstofflösung, bekannt unter dem Markennamen AdBlue. Insbesondere leistungsstärkere Dieselfahrzeuge mit höherem Gewicht erreichen die in der Euro-6-Norm vorgeschriebenen Stickoxidgrenzwerte von 80 Milligramm pro Kilometer nur dank Harnstoffeinspritzung.

AdBlue ist eine Lösung aus 32,5 Prozent reinem Harnstoff und demineralisiertem Wasser. Sie wird in der Abgasnachbehandlung vor dem Stickoxid-Katalysator in den Abgasstrom eingespritzt und zerfällt bei 70 bis 80 Grad in Ammoniak und Wasser. Ammoniak reagiert mit den Stickoxiden im Abgas am Stickoxidkatalysator zu unschädlichen Stickstoff und Wasser .

Harnstofflösung muss immer in ausreichender Menge mit an Bord sein

Auf diese Weise sollen bis zu 80 Prozent aller Stickoxide, die im Verbrennungsprozess entstehen, unschädlich gemacht werden. Das Prinzip der selektiven katalytischen Reduktion (SCR) bewährt sich im Schwerlastverkehr seit mehr als zehn Jahren. Die Herausforderung bei der Nutzung in Personenwagen: Harnstofflösung muss immer in ausreichender Menge mit an Bord sein.

Im Lkw ist das kein Problem, denn der benötigte Bauraum und das Zusatzgewicht für Tank und 100 Liter Harnstofflösung sind verkraftbar. Beim Pkw kämpfen Fahrzeugentwickler dagegen um jedes Gramm Gewicht. Zwar benötigen Pkw keine 100-Liter-Tanks. Doch ohne Nachtanken von AdBlue zwischen den Inspektionsterminen geht es bei SCR-Diesel-Pkw in der Praxis nicht. Geringe Bauräume, kleine Tanks und häufig die Fahrweise der Fahrer sprechen dagegen.

Mit Elektroautos aus der Krise

VW hat das Vertrauen in den Diesel verspielt. Das ist die Chance für alternative Antriebe. Analyse von Joachim Becker mehr ...

Käufer von SCR-Dieselfahrzeugen müssen sich also an den Umgang mit dem zusätzlichen Betriebsstoff AdBlue gewöhnen. Dabei können sie sich nur auf ungefähre Verbrauchsangaben stützen. Kaum ein Hersteller mag sich auf konkrete Verbräuche festlegen. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) gibt einen Durchschnittverbrauch von etwa 1,5 Litern AdBlue auf 1000 Kilometer an. Von der SZ befragte Automobilhersteller nennen circa einen Liter (Mercedes-Benz), ein bis zwei Liter (Volkswagen) oder eine durchschnittliche Reichweite von etwa 15 000 Kilometern pro AdBlue-Tankfüllung (BMW).

"Wer mit Vollgas auf der Autobahn unterwegs ist, hat einen höheren Verbrauch"

Stefan Dieckmann von Škoda nennt den Grund für die Vorsicht. "Der Verbrauch hängt entscheidend davon ab, wie das Fahrzeug eingesetzt wird". Sein VW-Kollege Peter Weisheit bestätigt: "Wer mit Vollgas auf der Autobahn unterwegs ist, hat einen höheren Verbrauch als Fahrer, die mit moderatem Tempo über die Landstraße fahren."