19. Februar 2017, 09:39 Software-Tricksereien Wie Speditionen bei den Lkw-Abgasen schummeln

Von Joachim Becker

Abendnachrichten. Millionen Zuschauer zur besten Sendezeit. Was hier als Meldung läuft, ist meinungsbildend. Nach NPD-Verbotsverfahren und Brexit-News strahlt " ZDF heute" am 17. Januar eine Exklusivmeldung aus: Emissionsbetrug und Software-Manipulationen bei Diesellastwagen. "20 Prozent aller Lkw aus Osteuropa sind auffällig. Das heißt: bis zu 14 000 Tonnen mehr Stickoxide pro Jahr in Deutschland - das Doppelte des VW-Abgasskandals in den USA", verkündet das Zweite Deutsche Fernsehen. Die Nachrichtensprecherin verweist auf die ausführliche Dokumentation am selben Abend. Dann weitere Nachrichten, Wetter.

Durch verdeckte Recherchen in Rumänien und bei polizeilichen Kontrollen in Polen sei ein ZDF-Team einer offenbar weit verbreiteten, kriminellen Manipulation von Lkw auf die Spur gekommen, heißt es in einer Pressemeldung des Senders. "Mit Hilfe sogenannter Emulatoren sparen sich die Betreiber der Lkw den Zusatzstoff 'Ad Blue' und erzielen dadurch illegale Mehrgewinne, betrügen bei Mautzahlungen und emittieren vermehrt giftige Stickoxide." Etwa 1,6 Milliarden Kilometer würden die manipulierten Lkw jährlich auf deutschen Autobahnen herunterspulen.

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Ein Thema, das jedem stinkt. Nicht nur wegen der Abgase und des Maut-Betrugs, sondern auch aufgrund der Lkw-Kolonnen. Die Staubilder, die den ZDF-Beitrag begleiten, kann jeder auf der Autobahn erleben. Lastwagen aus Osteuropa machten bereits 2013 ein Viertel des Mautverkehrs aus. Tendenz steigend, das gilt besonders für bulgarische und rumänische Laster. Mit zweistelligen Wachstumsraten bei der Kilometerleistung setzen sie deutsche Transporteure unter Druck. Einerseits. Andererseits gehörten 70 Prozent der rumänischen Lkw im internationalen Transport zu westeuropäischen Firmen, meldet die Zeitschrift Fernfahrer. Sie beruft sich auf Marilena Matei vom rumänischen Branchenblatt Tranzit.

Unter den Top-50-Flotten mit mehr als 150 Lkw in Rumänien seien allein 23 Niederlassungen von westeuropäischen Firmen, wird Matei zitiert. Die großen Speditionen hätten meist einen relativ modernen Fuhrpark mit abgasarmen Lkw - gerade weil sie häufig in Deutschland fahren. Darunter viele Brummis nach dem neuesten Reinheitsstandard Euro 6, die Maut sparen - auch wenn sie die Abgasreinigung nur vortäuschen. "Manipulierte Lkw zahlen pro Kilometer sechs Cent weniger Maut, als sie müssten. Das bedeutet: rund 110 Millionen Euro Mautbetrug pro Jahr", rechnet das ZDF vor. Kritiker halten die Zahl der vermuteten Betrugsfälle für übertrieben. Offizielle Zahlen gibt es nicht.

In Osteuropa ist AdBlue Mangelware

Sind moderne Diesel-Lkw also Saubermänner - oder Serienbetrüger, weil sich die Abgasreinigung relativ einfach ausknipsen lässt? Nötig wird so ein Eingriff, wenn Euro-6-Brummis außerhalb der EU fahren sollen. In der Ukraine, Moldawien oder Russland kann man sich nicht auf eine sichere Versorgung mit dem Additiv für die Abgaswäsche verlassen. Hierzulande verkauft fast jede Tankstelle die klare Flüssigkeit unter dem Namen Ad Blue. Ohne den wässrigen Harnstoff funktioniert der SCR-Katalysator nicht. Dann sind Euro-6-Laster bei Stickstoffoxiden nicht mehr 80 Prozent besser als Euro-5-Modelle, sondern um ein Vielfaches schlechter. Denn die neuen Motoren werden nicht vornehmlich auf geringe Rohemissionen, sondern auf niedrigen Kraftstoffverbrauch optimiert. Ohne funktionierende Abgasreinigung sind sie Dreckschleudern.

"Trucks you can trust" - mit diesem Versprechen wirbt Mercedes für seine Laster. Hans-Otto Hermann, Leiter der Antriebsentwicklung der Daimler-Nutzfahrzeuge, legte vor einem Jahr im SZ-Gespräch Wert darauf, dass die Bordelektronik der Euro-6-Trucks einbruchssicher sei. "Sollte ein Fehler identifiziert werden, dann wird dieser im Steuergerät und im Instrument angezeigt und führt zu unterschiedlichen Eskalationsmaßnahmen." Beispielsweise werde die Motorleistung reduziert bis hin zu einer Herabsetzung des Fahrzeugtempos auf 20 Stundenkilometer. Auf Nachfragen muss aber auch der Marktführer zugeben, dass sich Manipulationen "nicht in Gänze ausschließen" lassen.

Wie sehr der Schwarzmarkt für Manipulationselektronik blüht, zeigt ein Blick ins Internet. Für kleines Geld gibt es dort Ad blue-Emulatoren für alle Modelle und Marken, Einbauanleitung und Tutorial auf Youtube inklusive. Mit den Geräten lassen sich je nach Art der Ad blue-Betankung zwischen 500 und mehr als 1000 Euro pro Jahr sparen. Allerdings ist die Betriebserlaubnis durch den Einbau eines Emulators gefährdet; darüber hinaus erlischt der Garantieanspruch bei Schäden an Motor und Abgasnachbehandlungssystem, wenn vorher manipuliert wurde. Gerade die großen Spediteure können sich einen derartigen (Maut-)Betrug nicht leisten, ohne massiven Ärger mit den Behörden zu riskieren.

Bisher ist der Einbau jedoch relativ gefahrlos, weil Polizei und das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) nicht speziell nach den Emulatoren gesucht haben. "Das waren eher Zufallsfunde", sagt ein Polizist, der bei Autobahnkontrollen eingesetzt ist. Bisher wurden solche Fahrzeuge in eine Fachwerkstatt der jeweiligen Marke gebracht und dort geprüft. "Das kann schon mal ein bis zwei Tage dauern, besonders, wenn illegale Umbauten wieder rückgängig gemacht werden müssen", sagt der Experte. In seiner Einheit sei zwar ein Lkw-Werkstattmeister dabei. Doch um die neuste Betrugselektronik aufzuspüren, brauchten selbst Fachleute eine eingehende Schulung. Und dafür sei aufgrund der dünnen Personaldecke bisher wenig Zeit gewesen.

20 Prozent der Lkw stießen zu hohe Werte aus

Der ZDF-Bericht hat die Behörden wachgerüttelt, auch wenn die Hochrechnungen umstritten sind. Das BAG wurde vom Bundesverkehrsministerium angewiesen, Sonderkontrollen zum Ad blue-Betrug durchzuführen. Dabei wird zunächst kein spezieller Abgasmesswagen eingesetzt.

Das ZDF hatte dagegen keine Kosten gescheut und eine Studie bei der Uni Heidelberg in Auftrag gegeben. Der Spezialist Denis Köhler untersuchte 260 Lkw in voller Fahrt. Sein Team folgte den Trucks mit einem rollenden Labor und ermittelte die Stickoxidmenge in der Abgasfahne. Bei knapp 70 Prozent der untersuchten Fahrzeuge ließ sich die Emissionseinstufung feststellen, ohne die Lkw zu stoppen. 20 Prozent der Fahrzeuge stießen deutlich höhere Werte aus, als die offizielle Einstufung erlaubt. Solche auffälligen Lastwagen könnten künftig durch Polizei und BAG angehalten und genauer überprüft werden.

Die Elektronik wird für Hacker immer verlockender

Momentan werden die Heidelberger Wissenschaftler vom Institut für Umweltphysik mit Prüfanfragen überrannt. Doch das dürfte erst der Anfang sein: Ab September dieses Jahres werden auch Pkw unter Straßenbedingungen getestet ("Real Driving Emissions", kurz: RDE). Wenig hilfreich ist jedenfalls die Ankündigung von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), künftig die Abgasuntersuchung mit Endrohrmessung wieder einzuführen. Der VW-Skandal hat ja gerade gezeigt, dass sich solche Prüfstandszyklen leicht von einer Software erkennen und austricksen lassen. Der Wettlauf mit Betrügern - welcher Provenienz auch immer - lässt sich nur mit einer massiven digitalen Aufrüstung der Prüfbehörden gewinnen.

Ohne die Wissenschaft wird es nicht gehen. Im Automobilbereich bereitet das Karlsruher Institut für Technologie derzeit ein herstellerübergreifendes "Forschungszentrum für Automotive Security" vor. Dort sollen Erkenntnisse über Angriffe auf die Bordelektronik gesammelt und ausgewertet werden. Je mehr automatisierte Fahrfunktionen künftig im Angebot sind, desto verlockender wird die Elektronik für erpresserische Hacker.

Umdenken ist daher bei Lkw- und Pkw-Herstellern gleichermaßen angesagt: Allein wird keiner der organisierten Kriminalität standhalten können. Totschweigen lässt sich das Thema auch nicht mehr: Ad blue-Emulatoren sind in der Branche schon lange bekannt. Und sie sind nur die Vorboten einer Welle von Schad-Software, die bei anderen mobilen Endgeräten längst zum Alltag gehören. Keine Frage: Der Hacker wird zum unliebsamen Dritten zwischen Nutzer und Hersteller.

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