9. Februar 2013, 16:56 Rennserie Formel V Das organisierte Zerbrechen

Für Adrenalin im Motorsport reichen auch 40 PS: Vor 50 Jahren wurde in Amerika die Formel V gegründet. In Europa fuhr sich der Rennfahrernachwuchs damit um Kopf und Kragen. Die Helden von damals haben zum Ehrentag der Formel noch einmal ein paar schnelle Runden gedreht.

Von Michael Specht

Trommelbremsen, Einfachvergaser, 40-PS-Boxermotor, Drehstab-Vorderachse, Vierganggetriebe, Stahlfelgen - können das Zutaten für einen Rennwagen sein? Für ein paar verrückte Amerikaner schon. Anfang der 1960er-Jahre erkannten sie die guten Voraussetzungen, die der VW-Käfer für allerlei Verrücktheiten besaß. An Kaliforniens Stränden tauchten die ersten Buggys auf und es dauerte nicht lange, bis daraus auch Monoposti für die Piste wurden. Am Ende segnete der SCCA (Sport Car Club of America) die Autos offiziell ab. Eine neue Rennserie war geboren. Ihr Name: Formula V, gesprochen "Vee". Das V stand für Volkswagen.

50 Jahre ist das jetzt her. Und es wurde die ganz große Show. Nicht nur weil in Europa - in Deutschland fand das erste Rennen 1965 statt - bald Haudegen wie Dieter Quester, Helmut Marko oder Erich Breinsberg die Szene aufmischten. Bald folgten Niki Lauda, Jochen Rindt, Jackie Ickx, Nelson Piquet, Jochen Mass und Emerson Fittipaldi. Für sie war die Formel V das Sprungbrett zu Höherem. Kein Wunder also, dass die Formel V auch für "Formel Verrückt" hätte stehen können.

Unfälle gab es reihenweise, die meisten gingen wie durch ein Wunder glimpflich aus. Es wurde gedrängelt, geschubst und geschnitten, was das Zeug hielt. "Als hätte man eine Meute wilder Hunde auf ein Kaninchen losgelassen", sagt Rennlegende Dieter Quester heute. Der Österreicher, inzwischen 73 Jahre alt, und weitere ehemalige Formel V-Piloten trafen sich gerade im Rahmen des 24-Stunden-Rennens von Daytona zu einer sogenannten Lap of Honour, einer Ehrenrunde aus Anlass des Geburtstags der Formel. Mit dabei unter anderem Hans-Joachim Stuck, Klaus Niedzwiedz, die Rallye-Asse Mika Arpiainen und Markku Alèn sowie Prinz Leopold von Bayern.

"Die Formel V war eine hervorragende Schule"

Geplaudert wurde über alte Zeiten. Zum Beispiel über den Kopf-über-Sieg des Österreichers Erich Breinsberg 1970 beim Saisonfinale in Salzburg. Auf der Zielgeraden verhakten sich seine Räder mit denen des Konkurrenten Manfred Schurti. Breinsbergs Wagen überschlug sich, und rutschte mit dem Cockpit nach unten als Erster über die Ziellinie. Trotzdem kann Quester den wilden Zeiten ihr Gutes abgewinnen. "Die Formel V war eine hervorragende Schule."

Und sie kostete nicht viel. In den USA bekam man in der Frühzeit für weniger als 3000 Dollar ein siegfähiges Auto. Für den bis dato nicht vorhandenen Breitenmotorsport im Deutschland war das die große Chance. Als Ferry Porsche und sein Sportchef Huschke von Hanstein 1964 in Daytona/Florida auf die kleinen VW-Flitzer aufmerksam wurden, kauften sie kurzerhand zehn Bausätze und verschifften sie in die Heimat. Aus den zehn Rennern wurden schnell ziemlich viele.

Bausätze konnten bald sogar über den VW-Händler an der Ecke besorgt werden, wer ein wenig bastlerisches Geschick hatte, musste dafür nicht mehr als 7000 Mark auf den Tisch legen. Noch mehr ließ sich sparen, wenn man sich Teile wie Motor, Getriebe und Achsen vom Schrott besorgte. Ausrangierte Käfer gab es schließlich genug. Und das Reglement sorgte dafür, dass die Serie kostengünstig blieb, jedenfalls in der Anfangszeit. "Verwendet werden durften ausschließlich Serienteile", sagt Wolfgang Rafflenbeul, Vorstand "Historische Formel V Europa e.V.".

Vielen Hobbypiloten bot die neue Rennserie damit geradezu ideale Chancen, in den Motorsport einzusteigen. "Es war eine Superidee der Amis", erinnert sich Hans-Joachim Stuck, "Motorsport für jedermann und mit möglichst großer Chancengleichheit." Stuck selbst fuhr nur ein einziges Rennen in der Formel V, 1971 am Nürburgring. "Da hat's mich gleich in der ersten Runde rausgehauen", erinnert er sich.

Heute: mehr Leistung, mehr Hubraum und höheren Kosten

Doch wie so oft im Motorsport trat auch die Formel V über die Jahre langsam über die Ufer. 1977 zog sich VW aus der "Volksmotorsport-Klasse" zurück. Mittlerweile gab es die Formel Super V, mit mehr Leistung, mehr Hubraum und höheren Kosten. Die Unbedarftheit, der Charme, die Einfachheit, die ursprüngliche Idee von einst, alles war unter die Räder gekommen.

Gelegentlich rollen die Flitzer noch. Wolfgang Rafflenbeuls Vereinskollegen fahren damit auf Oldtimer-Veranstaltungen Gleichmäßigkeitsrennen - natürlich ohne die Härte von einst. Auch in Amerika lebt die Formel V weiter, und gar nicht einmal schlecht. "Sie ist die drittgrößte Amateur-Rennserie für Road Racing", sagt Lisa Nobles, Chefin der SCCA. Das Mindestalter für Einsteiger beträgt 15 Jahre. Gefahren wird noch immer mit kleinen Boxermotoren, wenn auch nicht mehr vom Käfer.