26. Januar 2013, 15:35 Elektromobilität "Das Projekt E-Auto ist dabei abzusterben"

Alle sind sich einig: Elektroautos gehört die Zukunft. Eigentlich. Auf der Straße aber tut sich nichts. Das liegt an der mangelhaften Infrastruktur für E-Mobile. Manches Pilotprojekt geht derzeit sang- und klanglos zu Ende. Experten befürchten das Schlimmste.

Von Michael Bauchmüller und Markus Balser

Parken und laden, so einfach könnte die Zukunft aussehen. Auto abgestellt, Kabel an die Laterne, schon läuft der Strom - jedenfalls bei dem Berliner Start-up Ubitricity. "Unsere Steckdose ist so schlank, dass sie sich an jeder Straßenlaterne montieren lässt", sagt Knut Hechtfischer, einer der Gründer der Firma. Ein Spezialkabel leitet den Strom in die Batterie und rechnet per Funk auch gleich mit dem Stromversorger ab. Schon wird das Elektroauto geladen - mitten in der Stadt, im Parkhaus, im Carport. "Technisch alles kein Problem", sagt Hechtfischer. Die Zukunft, das wären: Autos, die leise durch die Städte summen, frei von Abgasen. Ohne Lärm. Ohne Öl. Und das vielleicht sogar ganz grün, nur mit Strom aus Sonne und Wind. Jedenfalls, wenn alles gut läuft.

Läuft es aber bisher nicht. Das Elektroauto, von der Bundesregierung noch vor wenigen Jahren als "technologische Zeitenwende im Straßenverkehr" umschwärmt, kommt nicht vom Fleck. "Das Projekt E-Auto ist dabei abzusterben", schwant Ferdinand Dudenhöffer, Auto-Experte an der Uni Duisburg-Essen.

Die Pioniere sind enttäuscht

Wie sich so ein Sterben vollzieht, können die Leute aus Dudenhöffers Lehrstuhl derzeit hautnah miterleben: bei ihrem eigenen Elektro-Car-Sharing in der Essener Innenstadt. Die Essener sollten mit den geliehenen Autos erste Erfahrungen mit dem neuen Antrieb sammeln, sagt Dudenhöffer heute. "Viele kennen die Vorzüge des Elektroautos ja überhaupt noch nicht." Stattdessen verstrickte das Projekt den Professor in endlose Streitereien mit der Verwaltung. Kostenlos sollten die Elektroautos an den Ladestationen parken können. Doch mal stellten Benziner die reservierten Parkplätze zu, mal wurden selbst Elektroautos abgeschleppt. Eine klare Kennzeichnung gibt es für die Elektro-Parkplätze bis heute nicht. "Was hat die Bundeskanzlerin alles an Ideen gehabt, kostenlose Parkplätze, die Benutzung der Busspuren", sagt Dudenhöffer. "Und jetzt müssen wir das Grundgesetz ändern, um ein Schild hinzustellen." Die Pioniere, keine Frage, sind enttäuscht.

Dabei gilt der Elektromotor unter Experten nach wie vor als der Antrieb der Zukunft. Vor allem den Verkehr in den Städten könnte er revolutionieren, es würde bessere Luft geben und geringere Lärmbelastung. Auch der Umstand, dass die Reichweite der Batterien bisher noch recht dürftig ist, fällt hier nicht weiter ins Gewicht - zwischendurch ließe sich das Elektroauto immer wieder auftanken. Auch per Brennstoffzelle ließe sich der Strom erzeugen.

Lange Zeit marschierte Deutschland beherzt voran: Eine Million Autos sollen bis 2020 hierzulande elektrisch betrieben werden, nur Frankreich ist ehrgeiziger. Dort sollen es in sieben Jahren zwei Millionen Fahrzeuge sein. Auf dem Papier ist die Revolution schon im Gange. Auf der Straße nicht. Im Gegenteil: Manches Pilotprojekt geht derzeit sang- und klanglos zu Ende.

Etwa das Auto, das der Oldenburger Energieversorger EWE selbst entwickeln ließ, von dem Karosseriebauer Karmann. Es sollte nicht nur den neuen Antrieb ausprobieren, sondern auch ausloten, inwieweit sich die Batterien zur Speicherung von Windstrom nutzen lassen. Nachts zum Beispiel, wenn die Fahrzeuge ungenutzt in der Garage stehen. Doch dann ging Karmann pleite, der Volkswagen-Konzern sprang ein. Für die acht Autos in Oldenburg interessierten sich die Wolfsburger allerdings nicht. Im Frühjahr geht das Projekt zu Ende. Was aus den acht Autos wird, weiß noch keiner. Für den normalen Straßenverkehr, so sagen die EWE-Tüftler, sind sie eigentlich viel zu wertvoll.

Elektromobilität als Exportschlager

Die Not des Zukunftsprojekts E-Auto ruft nun auch die EU auf den Plan, sie sieht den Umbau als strategisches Projekt. "Nach Plänen Chinas und der USA sollen spätestens 2020 mehr als sechs Millionen Elektrofahrzeuge im Straßenverkehr unterwegs sein", prophezeite in dieser Woche Verkehrskommissar Siim Kallas. "Dies ist eine enorme Chance für Europa, sich auf einem rasch wachsenden globalen Markt eine starke Position zu sichern." Mal ganz abgesehen von der Chance, endlich die Abhängigkeit von der immer teureren und knapperen Ressource Öl zu reduzieren. Elektromobilität als Exportschlager - wäre da nur nicht dieser Teufelskreis.

Denn bisher fehlt es europaweit an Ladestationen und an Autos. Mangelt es aber an Autos, baut auch keiner die Ladestationen - und umgekehrt. Die Brüssler Lösung: Eine halbe Million Ladestationen fordert sie von den Regierungen in ganz Europa, davon allein 150.000 in Deutschland. "Damit können wir die Henne-Ei-Diskussion beenden", sagt Klimakommissarin Connie Hedegaard. Womit dann auch wieder die Leute von Ubitricity im Spiel wären.

Andere sind da skeptischer. Gerd Lottsiepen etwa, verkehrspolitischer Sprecher vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Berlin. Selbst ein flächendeckendes Netz von Ladestationen löse die wahren Probleme beim grünen Umbau des Verkehrssystems nicht, warnt Lottsiepen. "Elektroautos könnten beim heutigen Durchschnittstempo auf Autobahnen gar nicht mithalten." Zwar erreichten die Gefährte ähnliche Geschwindigkeiten wie Benziner oder Dieselfahrzeuge. Ihre Reichweite nehme aber bei hohem Tempo rapide ab.

Der Verband fordert nicht zuletzt deshalb ein Tempolimit von 120 auf Autobahnen - in Deutschland seit jeher ohne große Chance. Auch schärfere Emissions-Grenzwerte für Fahrzeuge könnten den sauberen E-Autos zum Durchbruch verhelfen. Doch die Autoindustrie wehrt sich mit Händen und Füßen gegen strengere Vorschriften.

Halbherzige EU-Lösungen

Auch Experte Dudenhöffer nennt die EU-Lösung "halbherzig". Wer wirklich etwas bewegen wolle, müsse die Regeln verändern. "Das bedeutet, ich lasse in Fußgängerzonen nur noch Lieferwagen mit Elektroantrieb", sagt Dudenhöffer. "Oder ich schreibe für bestimmte Zeiten in den Innenstädten entsprechende Emissionswerte vor." Ohne ein Gesamtkonzept jedenfalls werde das nichts mit der E-Mobilität.

Einen großen Schritt in Richtung E-Mobilität hat Europa in diesen Tagen aber gemacht, immerhin. Nach jahrelangen Debatten haben sich Brüssels Bürokraten auf einen einheitlichen Stecker geeinigt. Gäbe es also Elektroautos und gäbe es Ladestellen: Man könnte künftig sogar tanken.