5. November 2014, 09:23 Dienstwagen mit "Zaren-Motor" Russland plant die Putin-Limousine

Statt gepanzerter Mercedes-Modelle will Russland künftig eigene Nobelkarossen im Staatsdienst einsetzen. Sie sollen Rolls Royce ähneln und über einen enorm starken "Zaren-Motor" verfügen.

Von Thomas Harloff

Man darf Wladimir Putin eine gewisse Autoaffinität bescheinigen. Immer wieder sieht man ihn selbst am Lenkrad eines seiner Autos. Er soll zwei Oldtimer besitzen, darunter einen GAZ Wolga aus dem Jahr 1956, mit dem 2005 der damalige US-Präsident George W. Bush eine Runde drehen durfte.

Bei seinen Dienstwagen setzt Putin derzeit auf ein deutsches Fabrikat. Zu offiziellen Anlässen lässt er sich in einer gepanzerten und fast eine Million Euro teuren Mercedes-Limousine in der gestreckten Pullman-Version chauffieren. Zudem gehört ein Mercedes S 600 Guard, dessen Steuer er gern übernimmt, zum Fuhrpark.

Die eigentliche Repräsentantenlimousine des einheimischen Herstellers ZIL steht sich dagegen in der Garage die Reifen platt. Mit ihrer Technik und Optik aus den Siebzigerjahren entspricht sie längst nicht mehr den Ansprüchen des russischen Staatsoberhauptes. Der ZIL steht symbolisch für die rückständige russische Automobilindustrie, die seit Jahrzehnten nicht ein Modell hervorgebracht hat, das internationalen Standards genügt.

Auch diese ZIL-Limousine steht dem russischen Staatschef zur Verfügung. Doch die veraltete Nobelkarosse nutzt Putin nur noch selten.

(Foto: DPA)

Mercedes-Verbot für russische Funktionäre

Dennoch sollen Beamte in Staats- und Kommunaldiensten bei der Wahl ihrer Dienstwagen verstärkt auf russische Fabrikate beziehungsweise in Russland produzierte Autos setzen. So will es Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew, dessen Regierung ihren Behörden im Juli weitgehend den Kauf ausländischer Autos verbot. Die Anweisung betrifft vor allem Mercedes-Limousinen, denn der schwäbische Konzern unterhält im Gegensatz zu anderen deutschen Autoherstellern keine Fabrik in Russland. Doch gerade die Modelle mit dem Stern sind bei ranghohen russischen Offiziellen beliebt.

Damit die Funktionäre stattdessen nicht einfach zu in Russland produzierten VW- oder BMW-Modellen greifen, soll es bald eine einheimische Staatslimousine geben. An dem Projekt mit dem passenden Namen "Kortezh", was übersetzt "Gefolge" oder "Prozession" bedeutet und die Bezeichnung für Putins Begleitkolonne ist, arbeitet derzeit das stattliche Automobil-Entwicklungszentrum National AutoMotive Institute, kurz NAMI.

Russland verbannt Mercedes-Dienstwagen

Keine im Ausland produzierten Dienstfahrzeuge mehr: Regierungschef Medwedjew will, dass mehr Geld an russische Hersteller fließt - und verbietet seinen Behörden weitgehend den Kauf ausländischer Autos. Besonders trifft es ranghohe Politiker, die eine ganz bestimmte Marke bevorzugen. mehr ...

Wie russische Medien berichten, soll das Design der Luxuskarosse gegen Jahresende vorgestellt werden. Während der Ausschreibung haben demzufolge in- und ausländische Designer mehr als 80 Entwürfe eingesandt, von denen Putin persönlich seine beiden Favoriten bestimmt haben soll. Laut NAMI-Chef Maksim Nagaitsev soll es sich dabei um einen Entwurf mit historischen Referenzen handeln, das Konzept ähnelt aktuellen europäischen Autos.

Welches Modell als Inspirationsquelle diente, ist leicht zu erkennen: der Rolls-Royce Phantom. Das Design von Karosserie, Front und sogar Rädern erinnert eklatant an die Produkte des britischen Nobelherstellers. Allerdings soll die russische Limousine noch größer sein als ihr englisches Pendant, das je nach Länge des Radstandes bis zu 6,09 Meter misst.

Glaubt man Nagaitsev, wird das Triebwerk der neuen Staatslimousine den Motoren ihrer Konkurrenten weit überlegen sein - jedenfalls in puncto Leistung. In seiner stärksten Ausführung soll der V12-Turbomotor mit sechs Litern Hubraum bis zu 850 PS entwickeln und seine Kraft an alle vier Räder verteilen. Folgerichtig trägt das mächtige Aggregat die Bezeichnung "Zaren-Motor". Es soll jedoch nicht nur die Limousine, sondern auch zum Konvoi gehörende Minivans und SUVs antreiben und später sogar in Flugzeugen und Militärgerät zum Einsatz kommen.

Entwicklungshilfe von Porsche

An der Entwicklung des Motors waren auch westliche Firmen beteiligt. NAMI-Ingenieure sollen sich in Österreich, Deutschland und England weitergebildet haben. Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Porsche Engineering Group (PEG) zu, wie die Wirtschaftswoche berichtet. Die im schwäbischen Weissach ansässige Tochter der Porsche AG entwickelt vorrangig die Sportwagen-Modelle der Muttergesellschaft, ist aber auch Dienstleister für andere Firmen. Porsche konzipierte gemeinsam mit Airbus Flugzeug-Cockpits, zusammen mit Linde Gabelstapler oder in Kooperation mit Harley-Davidson Motorradmotoren. Auch in der Zusammenarbeit mit russischen Firmen haben die Schwaben Erfahrung: Im Auftrag des größten Autoherstellers AvtoVAZ brachte Porsche in den Achtzigerjahren den Lada Samara zur Serienreife.

Probefahrt in Putins GAZ Wolga: Der damalige US-Präsident George W. Bush übernimmt das Steuer.

(Foto: REUTERS)

Mit der neuen Staatslimousine als Flaggschiffprojekt will Russland seine Autoindustrie neu ordnen. Laut Industrie- und Handelsminister Denis Manturow soll eine ganze Fahrzeugpalette entstehen, die auch Kompaktwagen und Familienautos beinhaltet. Das Investitionsvolumen beläuft sich auf bis zu 24 Milliarden Rubel, was derzeit etwa 442 Millionen Euro entspricht.

2017 sollen die ersten Exemplare der neuen Luxuslimousine produziert werden. Fraglich ist, ob Wladimir Putin danach wieder ausländische Staatschefs ans Steuer lassen wird. Umso wahrscheinlicher ist es jedoch, dass der Präsident vorher persönlich eine finale Abnahmefahrt durchführen wird. Besser, Putin gibt seinen Segen, bevor die Nobelkarosse ihren Dienst antritt. Ansonsten könnte das neue Prozessionsgefährt mit dem "Zaren-Motor" schneller als gedacht das Schicksal des alten ZIL ereilen.