Von Von Jörg Reichle und Marion Zellner

Viele Aufsehen erregende Modelle läuten das Autojahr 2004 in Europa ein. Bei den Händlern aber geht nach wie vor wenig. Eine Vorschau.

Vorfrühling sieht anders aus, die Blütenträume sind erst einmal vertagt. Während in der kommenden Woche der Automobilsalon in Genf zum traditionellen Eröffnungsritual des europäischen Autojahrs 2004 einlädt, herrscht Eiszeit in der Branche.

Der Mercedes CLS gehört in die neuartige Gattung der Limousinen-Coupés. (© )

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Schlechte Zahlen, trübe Aussichten. Wenn überhaupt, machen die Vorstandsvorsitzenden der Autoindustrie einen auf verschämte Hoffnung, von Optimismus ist weithin keine Spur zu entdecken. Im Januar sind die Neuzulassungen in Europa gegenüber dem schon schwachen Vorjahr erneut gesunken, wobei Deutschland (minus 12,4 Prozent) und Frankreich (minus 11,9 Prozent) die großen Verlierer waren.

Vor allem bei den Volumenherstellern Opel, Ford und auch VW breitet sich Frust mit der Tendenz zur Verzweiflung aus. "Egal, was wir derzeit machen", sagt ein hochrangiger Manager bei Ford in Köln, "am Markt geht momentan so gut wie gar nichts." So wird es eher wie Pfeifen im dunklen Wald anmuten, wenn in den Messehallen nahe dem Genfer Flughafen zahlreiche Modell-Premieren im glänzenden Licht pompöser Bühnen erstrahlen. Viel Blech, viel Schall, viel Rauch. Und viele stille Gebete in den Vorstandsetagen.

Allen voran, das hat schon fast Tradition in Genf, prunken die deutschen Hersteller. DaimlerChrysler zum Beispiel tritt mit einem ganzen Novitätenpulk an. Worauf wir uns wirklich freuen: Der CLS, ein viertüriges Coupé auf Basis der E-Klasse, ist erstmals in seiner Serienoptik zu sehen - ein bildschönes Auto von jaguarhaften Proportionen und einer für das Mercedes-Design radikal neuen Linienführung. Als CLS 350 und CLS 500 wird der Neue über zwei alternative Benziner mit sechs und acht Zylindern und mindestens 272 PS verfügen, wenn er im September auf den Markt kommt. Von einem Diesel ist noch keine Rede.

Auf dem Mercedes-Stand drängen sich außerdem: der neue kleine SLK-Roadster, der von vorn wie ein zu heiß gewaschener SLR aussieht und von hinten wie ein geschrumpfter SL. Ungewohnt und überzeugend dagegen das Interieur: So viel sportliche Klarheit tut wohl. Und eine spezielle Warmluftdüse für die zuggefährdete Nackenmuskulatur der Insassen wird wohl noch für ziemlich Diskussionen sorgen.

Dass Mercedes-Kunden keinen Mangel an Motorleistung leiden, ist traditionell dem Wirken von AMG zu verdanken. In Genf steht daher nicht nur der SLK 55 AMG mit 360 PS, auch das alte Maultier G-Klasse bekommt noch einmal eine Vitaminspritze in Affalterbach: Der G55 AMG hat einen V8-Kompressormotor mit immerhin 476 PS und kann damit auch steilste Gebirgspfade erklimmen. Und schließlich steht noch der nagelneue C 55 AMG in Genf.

Wenn Stuttgart brüllt, kann München nicht schweigen. BMW zeigt deshalb in Genf den neuen Fünfer touring, ein vergleichsweise konservativ gezeichnetes, pardon: Lifestyle-Auto mit dem üblichen Motorensortiment zur ersten Auswahl - zwei Diesel und zwei Benziner mit maximal 333 PS und in gehobener Preislage.

Das gilt auch schon für das neue Mini Cabrio für mindestens Vergnügungssteuer-verdächtige 19 000 Euro (SZ vom 14.2.), und erst recht für den offenen Sechser. Eine weitere Neuheit wurde bis zum Salon gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Möglicherweise zeigt BMW eine seriennahe Studie vom neuen Zweier, der Stufenheckvariante der kommenden kompakten Einser-Baureihe.

Premium, das Zauberwort, wird also allenthalben angestimmt. Bei Audi ist man wohl zu Recht stolz auf den deutlich größer und attraktiver gewordenen A6 (SZ vom 21. 2.) mit seinem wuchtigen De-Silva-Kühler und dem eindeutigen Streben, endgültig in den Olymp der deutschen Edelmarken aufzusteigen. Doch wer immer höher steigt, hat mit immer dünnerer Luft zu kämpfen, das musste in letzter Zeit vor allem VW -Chef Bernd Pischetsrieder erfahren, dem der schleppende Anlauf des Hoffnungsträgers Golf die Bilanzen verhagelt.

Die Wolfsburger hüten bis zuletzt ihr offenes Geheimnis: ein völlig neues Cabriolet wird in Genf zu sehen sein - größenmäßig eher am künftigen Passat als am Golf ausgerichtet, das bedeutet viel Platz zum Sitzen und fürs Gepäck. Und über den Insassen öffnet und schließt sich bei Bedarf ein solides Blechdach.

Von den anderen Volumenmarken hat in letzter Zeit vor allem Opel Gas gegeben. Viele neue, mutig bis aufregend gezeichnete Studien und Modelle, wie zuletzt der Astra, nähren auch dort die Hoffnung auf bessere Zeiten. Während sich Erbfeind Ford auf die Premiere einer Sportvariante des kleinen Fiesta beschränkt - der ST 150 mit 150 PS kommt Ende des Jahres -, zeigen die Rüsselsheimer in Genf den zweisitzigen Tigra-Roadster Twin Top mit stählernem Klappdach und eine kantige Van-Studie namens Twixx.

Welche Folgen der Wechsel von Opel-Chefdesigner Martin Smith auf den Stuhl des obersten Gestalters bei Ford Europe kurz vor dem Genfer Salon für die optische Weiterentwicklung der Marke hat, ist noch nicht absehbar. Man darf sehr gespannt sein.

Ansonsten nutzt von den Europäern vor allem der Fiat-Konzern den Salon am Lac Leman - nicht nur für den ersten öffentlichen Auftritt des neuen Capos der Autosparte, Ex-Audi-Chef Herbert Demel. An neuen Modellen haben die Italiener das Facelift des skurrilen Vans Multipla mitgebracht, jetzt mit neuer Front auf Massengeschmack getrimmt, daneben zeigt die Tochtermarke Alfa-Romeo eine Rustikalversion des 156 namens Crosswagon und Lancia hat auf die Basis des kleinen Y einen Compact MPV gestellt, sozusagen der Fiat Idea in edel.

In der Nationenwertung treten die Franzosen mit einigen beachtlichen Modellen an. Peugeot zeigt den neuen 407 als Limousine und coupéhaften Kombi, bei Renault gibt es eine Studie mit dem beziehungsschweren Namen Wind, der Sehnsüchte an den spartanischen Spider von einst weckt und Citroën zeigt den als Rallye-Auto verkleideten neuen C4.

Ansonsten wird die Traumfabrik Genf auch in diesem Jahr wieder ihrer Rolle gerecht: Ferrari Scaglietti, Lamborghini Murciélago Spider, die neue offene Corvette von GM, eine Hochleistungsversion des Chrysler Crossfire - das nährt das Fieber der Freaks.

Wir bekennen aber offen: Schon jetzt gehört unser Herz einer Winzigkeit von Auto, das auf den Namen Trepiuno hört. Die knubbelige Retro-Studie von Fiat erinnert an den 500 von einst, und daran, dass Träume nicht teuer sein müssen.

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(SZ vom 28.02.2004)